Øost

Eine phantastische Reise

Als sich nach drei Romanen, der Kampf Minos gegen den Blauen Dämon im sagenumwobenen Elfenreich dem Ende zuneigte, war eine Welt erstanden, deren Vielfalt solch mannigfaltige Möglichkeiten bot, dass ich schon länger mit dem Gedanken spielte, von einem weiteren Abenteuer aus diesem magischen Land zu berichten. 

Alleine die Zeit fehlte mir, denn es flossen noch andere Projekte durch meine Feder und erst danach wuchs der Gedanke, Euch wieder mitzunehmen auf eine phantastische und gefahrvolle Reise. 

Eine Freundin von mir brachte die Idee: Sie fragte mich, was denn eigentlich aus den Brüdern Minos geworden sei.

Es wäre doch spannend, zu erfahren, welchen Weg sie in all den Wirren jener Zeit eingeschlagen hatten. 

Und siehe da, aus diesem kurzen Gedanken erwuchs die Geschichte aus dem Reiche Øost, die Euch völlig losgelöst von ehemaligen Geschehnissen, eintauchen lässt in eine zauberhafte, aber auch dunkle Welt. 

Wenn Ihr also das Nebulöse und Magische mögt, Euch vor Begegnungen mit Trollen und Bergriesen, Sumpf-Rusalken und Schattenwesen nicht fürchtet, dann werdet Ihr in dieser Geschichte gut aufgehoben sein. Sie wird ganz bald veröffentlicht. 

 

Dies sei eine Geschichte aus dem Reiche Øost, 

 

vielerorts auch nur das Ostreich genannt, in dem so viele seltsame Geschicke ihren Lauf nahmen. 

 

Doch eines jener Geschicke sollte Øost mehr als alles andere erschüttern. Geradewohl, da niemand in den befriedeten Ländern mit solchen Ereignissen rechnete, seit das dämonische Zeitalter vorüber geglaubt. 

 

Bevor wir jedoch hineinfinden, in jene längst vergessene Zeit, blicken wir noch viel weiter zurück. In Tage, als Drachen die Länder in Øost noch ganz und gar beherrschten und die Menschen sich kaum gegen sie zu wehren wussten. Nur selten gelang es wenigen Helden außerordentlichen Mutes und unbändiger Entschlossenheit, diese mächtigen Wesen, diese Wandler zwischen den Welten, zu bezwingen. 

 

Einer dieser Helden nannte sich Elrado. Er war der Erste seiner Linie, ein tapferer und unnachgiebiger, zorniger aber auch gerechter Führer der Sippen seiner Schar, die ihm willig folgten und dankbar den Frieden annahmen, den er ihnen durch den Tod des Drachen bescherte. 

 

Viele Tage badete er hernach im noch warmen Blute des toten Weltenwandlers, rieb sich seine Haut damit und trank die magische rote Flüssigkeit voller Wonne und der sicheren Gewissheit, sich selbst und allen männlichen Nachfahren seiner Linie ein seltenes Geschenk zu bereiten. 

 

Einen Segen großer Macht erhoffte sich der erste der Elrados somit, doch vergaß er überdies, dass jeder Magie auch eine zweite Seite zugedacht, jedem Segen auch ein Fluch anheim lag. 

Doch so fügte es sich, dass die Macht des Drachenblutes in den Adern jeder nachfolgenden Generation aller Söhne der Elrados fortgeführt wurde. 

 

In den zahlreichen verstreichenden Epochen vergaß die Familie diesen Fluch beinahe. In manchen wiederum bedienten sich jene, die belesen waren und Bande zu den Druiden flochten, der Sprüche, der Zauber, die es bedurfte, um die wahre Kraft des Blutes erst zum Vorschein zu bringen. 

 

Zum Glücke aller lag das Wissen um dieses Geheimnis in den wirren Zeiten, als Dämonen begannen Øost zu befallen und alle Länder drohten in den Abgrund gerissen zu werden, versteckt in wenigen Schriften und verschwiegen in den Herzen der Elrados, sodass auch die übelsten Zauberer und boshaftesten Hexen sich seiner nicht zu bedienen vermochten. 

 

Aber auch die Elrados selbst vergaßen, wie mit ihrem Blute umzugehen war. Und beinahe, da so viele Zeitalter verronnen waren, hätte sich die Macht des Drachen so sehr verdünnt, dass sie wohl vergangen wäre. 

Doch leider erinnerten sich eines Tages wieder ein paar Wenige im Reich, an die alten Geschichten. Und nicht alleine gute Geister waren es, die erneut der Tat des ersten der Elrados gedachten. 

 

Plötzlich öffneten sich schlafend geglaubte Augen, die sich lauernd auf die beiden Elradobrüder dieser Tage richteten und nach etwas trachteten, dass ihnen schon lange verwehrt blieb. 

 

Und hier sei sie nun also erzählt, eine der denkwürdigsten Geschichten aus dem Reiche Øost.

 

​Øost wird bald veröffentlicht.

 

Kapitel 1 

Ungebetener Besuch

 

„Du weißt genau, wo sie sich aufhalten!“, herrschte der Dickere der beiden ungemütlichen Gesellen sie an. Doch die alte Herlinde blieb ruhig. Was hatte sie nicht schon alles durchgemacht und erlebt in ihrem über hundertzwanzig Winter währenden Leben. 

„Du Hexe!“, rief der Dicke aus. Doch seine drohenden Sätze entsprachen nicht seiner Körperhaltung, die eher Unsicherheit und Angst vermittelte. Er und sein, ebenso wie er selbst, in schmutzige und zerfranste Lumpen gekleidete Begleiter, stierten die alte Frau voller Abscheu und Verachtung an. Aber auch mit Vorsicht und Abstand. Zu viele seltsame Geschichten waren ihnen über das alte Weib zu Ohren gekommen. 

Sie wagten nicht, sich ihr noch weiter zu nähern und verharrten zwei gute Schritt weit vor dem Schaukelstuhl, in dem Herlinde jeden Abend nahe am Feuer in ihrer kleinen Holzhütte saß und mit ihren winzigen, aber noch sehr lebendigen Äuglein, alte Schriften kräuterkundiger Gelehrter studierte. 

„Du solltest tot sein“, zischte der andere. „Alle unten im Dorf erzählen sich, dass du Schlagkraut genommen hast und hinübergefahren bist ins dunkle Reich. Selbst den dämonischen Oberen hast du widerstanden.“ 

„Wenn das kein Hexenwerk ist!“, stimmte ihm der Dicke zu, dessen knollige rote Nase von einer runzligen haarigen Warze gekrönt wurde und von reichlichem Biergenuss zeugte. Beide hielten kräftige Stöcke in ihren Händen nervös vor sich her, damit die Alte ja nicht auf die Idee käme, sie anzuspringen. 

Dass Herlinde froh war, überhaupt noch laufen zu können und glücklich, noch selbstständig jeden Abend ein Feuer im Kamin zu entfachen, konnten diese fremden Halunken natürlich nicht wissen. Und ohne die Hilfe der Dorfbewohner, die einige Weilen weiter unterhalb auf der Hochebene lebten, würde sich Herlinde auch gar nicht mehr selbst ernähren können. 

Aber in gewisser Weise munkelte man selbst bei den Dörflern, dass bei ihr so manches nicht mit rechten Dingen zuging, und begegnete Herlinde daher mit respektvoller Distanz. 

„Ihr müsst nicht auf alles hören, was die Dörfler Euch erzählen“, sagte sie freundlich. Sie legte die Schrift, die sie gerade studierte, beiseite, ihre knochigen faltigen Hände in den Schoß und blickte die beiden an. „Doch mag es sein, dass auch Wahrheit in diesen Geschichten steckt.“ 

„Aha!“, meinte der Dicke und nickte heftig. „Wusste ich’s doch, du Hexe!“ Er streckte seinen Knüppel wider vor und drohte ihr damit. Sie hingegen beobachtete seine unsicheren Bewegungen und die angsterfüllte Fratze seines Begleiters. Besonders helle erschienen ihr die beiden nicht und ganz offensichtlich erfüllten sie einen solchen Auftrag, einen solchen Besuch, zum ersten Mal. Es wäre interessant zu erfahren, wer sie geschickt hat. 

„Es ist wahr, dass seinerzeit ein Oberer an meiner Türe stand“, begann Herlinde ungerührt zu erklären und spielte auf einen der Gehilfen an, die mit dem Dämon aus der Unterwelt gekrochen waren und ihm im Land der Lebenden gedient hatten. Ihr Erscheinen kam einem Fluch gleich, der großes Unheil verkündete und in den allermeisten Fällen den Tod nach sich zog. „Doch nahm ich kein Schlagkraut, wie ich es ihm erzählte“, erklärte sie. „Ich nahm ein anderes, dem Schlagkraut sehr ähnliches Pflänzlein, dessen Wirkung sich in vielem nicht unterscheidet – jedoch in einem sehr wohl. Man stirbt nicht daran.“ 

„Und doch hast du seinem Angriff widerstanden“, sagte der Dicke. „Das vermag niemand.“ 

„Niemand, ohne sich der Hexerei zu bedienen“, ergänzte der andere zischend. 

„Woher willst du das denn wissen, hm?“, entgegnete Herlinde. „Es gibt sie nicht mehr, diese Oberen. Sie sind dorthin gefahren, woher sie kamen. Und darüber können wir nur froh sein. Beschwört keine Dämonen herauf, denen Ihr nicht gewachsen seid! Ihr befindet Euch in einer geheimnisvollen Gegend und diese Berge hier haben große Ohren – und Augen.“ 

Ihre Worten verfehlten ihre Wirkung nicht und sehr richtig schätzte Herlinde die Einfältigkeit der beiden ein. Sie blickten sich scheu um und stierten zu allen Seiten, ob sie jemand belauschte oder irgendein Zauberwesen aus den Bergen durch eines der kleinen Fenster hereinlugte. Herlinde sprach ungerührt weiter: „Das Pflänzlein heißt Elfendorn und wächst nur an sehr wenigen Stellen. Ich kenne mich gut aus mit den Pflanzen dieser Gegend und von den Dörflern solltet Ihr wohl auch erfahren haben, dass ich eine Heilkundige bin. Ich weiß, wo man die Kräuter der Berge findet und wie man sie gewissenhaft zubereitet. Mit Hexerei jedoch hat das wenig zu tun. Möchtet Ihr einen Tee?“ Sie wollte sich mühsam erheben, als der Dicke sofort rief: „Nein! Auf keinen Fall! Und du bleibst sitzen, altes Weib!“ 

Herlinde seufzte, tat, wie geheißen und unterdrückte mühsam ein Schmunzeln. 

„Aber wir können doch nicht die ganze Nacht hier herumstreiten“, sagte sie dann, hob kurz die dünnen Ärmchen und ließ sie dann wieder in ihren Schoß fallen. 

„Wir haben dir schon gesagt, was wir wissen wollen! Wo sind Lurado und Burado?“ Der Dicke unterstrich seine Forderung nochmals, indem er mit dem Knüppel vor Herlindes Nase herumfuchtelte. Sehr geübt wirkte er dabei noch immer nicht. 

„Wer hat Euch eigentlich solche Flausen in den Kopf gesetzt?“, wollte Herlinde wissen und blickte skeptisch, aber unbeeindruckt auf den Knüppel. „Da erzählt Euch jemand, ich sei eine Hexe und Lurado und Burado seien hier. Beides entspricht nicht der Wahrheit. Die beiden sind schon vor vielen Wintern fortgezogen. Sie sind junge Männer. Was glaubt Ihr denn? Dass sie ihr Leben lang bei ihrer alten Herlinde sitzen und ihr die faltigen Hände halten?“ Sie lachte ein trockenes und herzliches Lachen. Es wirkte so selbstverständlich, dass selbst die beiden Lumpengesellen allmählich zweifelten, ob die Fragerei noch einen Sinn machte. 

„Und wo sind sie hin?“, wollte der Dünnere wissen. Er sprach weniger, schien dafür aber eine Winzigkeit klüger zu sein als der Dicke. 

Herlinde seufzte abermals, diesmal lauter, und ihre schmalen Schultern, um die sich eine dichte wärmende Häkeldecke schmiegte, sackten noch ein wenig mehr zusammen. 

„Ich habe leider schon sehr lange nichts mehr von ihnen gehört.“ 

„Im Dorf sagten sie, wenn jemand etwas von ihnen wüsste, dann du“, meinte der Dicke wieder. 

„Natürlich, ich habe sie ja auch großgezogen“, antwortete Herlinde mit Wehmut. „Auch, wenn sie nicht meine wirklichen Söhne sind, habe ich sie behandelt, als wären es meine eigenen.“ 

„Man sagt, dass die Bergwölfe dir dabei geholfen haben“, meinte der Dünne plötzlich ganz leise, als fürchte er sich vor seinen eigenen Worten. 

„Die Bergwölfe, Ihr dummen Gesellen, helfen mir in allen Belangen. Das weiß jeder im Dorf. Sie sind meine Familie und sie geben Acht, dass mir kein Unheil geschieht.“ 

„Ach ja?“, meinte der Dicke nun spöttisch. „Und wo sind sie dann, deine Wölfe? Wir lassen uns nicht dümmer machen, als wir sind, Hexe!“ Doch der Dünne blickte sich abermals nervös um und glaubte, ein dunkles Knurren draußen vor der niedrigen Holztür vernommen zu haben. Oder war es ein beginnender neuer Schneesturm, einer von vielen, die in diesen Tagen durch die Große Gebirgskette wehten? 

„Diese Frage“, antwortete Herlinde nun ernst und nickte ganz sachte zur Türe, wohin sich auch ihr Blick wendete, „würde ich kein zweites Mal stellen. Ich werde sie dir sonst beantworten.“ 

Das Knurren wurde lauter und zu deutlich erkannten die beiden Männer, dass es der Kehle eines tierischen, hungrigen Wesens entsprang, das ungeduldig darauf wartete, eintreten zu dürfen. 

Beide Lumpengesellen blickten nun mit schreckensgeweiteten Augen zur Türe. Sie wussten ja selbst, dass sie nicht verschlossen war. 

„Ihr möchtet nicht wirklich, dass diese Türe sich jetzt öffnet“, sagte Herlinde verständnisvoll. Und nun stand sie doch auf, um einen Teekessel von einer hölzernen Anrichte zu holen, Wasser hineinzufüllen und an den Haken, der sich über dem Feuer befand, zu hängen. Ihre langsamen, aber sehr selbstbewussten, Bewegungen steigerten die Gewissheit der beiden, dass sie keinesfalls dazu Gelegenheit bekämen, der alten Frau etwas anzutun. Der Dicke schluckte trocken und begann zu schwitzen. Er sagte nichts und auch sein Kumpane blieb stumm und blickte angsterfüllt zwischen der Türe und Herlinde hin und her. 

„Ich glaube, wir sollten doch einen Tee zusammen trinken und dann stelle ich Euch zur Abwechslung mal ein paar Fragen, hm? Was meint ihr? Wollt Ihr Euch nicht an den Tisch setzen?“ 

Kapitel 2 

Herlindianer

In dem Dorf, das sich auf einem weit ausgedehnten Feld, am Rand einer Hochebene der Großen Gebirgskette befand und das die Bewohner zum Dank an ihre Helferin nach ihr, Herlind, benannten, weil sie in den schlimmen Zeiten des Dämons zu ihnen stand, neigte der Winter sich langsam dem Ende. Die Hochebene war die letzte dieser Höhe, auf dem man die Naturzeiten noch deutlich erkannte. Weiter oben, in den eisigen Höhen der Kette, herrschte der ewige Winter mit seinen mächtigen Gletschern und den vielen Schneewesen, von denen oft nicht bekannt war, ob sie Legenden oder dem wahren Leben entsprangen. 

Selbst die Bergwölfe hatte nicht jeder im Dorf schon einmal gesehen. Höchstens gehört, wenn sie in unregelmäßigen Abständen in einem schaurigen Geheul ihren Anspruch auf ihr Revier verdeutlichten oder sich geheime Botschaften durch die mondbeschienene Nacht schickten. 

Jedenfalls war Herlind seit seiner Gründung, Zerstörung und dem folgenden Wiederaufbau enorm gewachsen und darüber hinaus auch sehr beliebt bei Reisenden, die sogar umständliche und beschwerliche Umwege in Kauf nahmen, um sich von den bekannten Köstlichkeiten dieses Ortes zu überzeugen. 

Herlindkräuterkäse von den hier ansässigen schneeweißen Ziegen und das dunkel gebackene Stangenbrot der Dorfbewohner stellten nur zwei der Gaumenfreuden dar, deren Rezepte die Feinschmecker des Orts in ihren wohl gehüteten Küchenschriften verewigten. So war es auch nicht weiter verwunderlich, dass die Gasthäuser und Backstuben, Wirtschaften und Vesperhäuschen in Herlind wie Pilze aus dem Boden schossen. Das Dorf und seine Bewohner zeigten sich gastfreundlich, offen und Reisenden gegenüber höflich und verständnisvoll. Und nach den furchtbaren Zeiten der Entbehrungen, entwickelte sich der einstmalige Flüchtlingshort zu einem blühenden und wachsenden Platz, der alsbald zu einem stattlichen Dorf wuchs und an Attraktivität mit jedem weiteren Winter, der verging, dazugewann. 

Viele derer, die das Grauen unter dem Blauen Dämon ertragen hatten, lebten noch und taten sich anfänglich schwer, das Vergangene hinter sich zu lassen und diese neue Heimat als die ihre anzuerkennen. Doch der gute Glaube und der angeborene Optimismus der Bewohner, die zu großen Teilen von den früheren Siedlungsgebieten des Elfenwaldes stammten, ließen sie Wurzeln schlagen, sodass nur wenige von ihnen in ihre Herkunftsländer zurückkehrten. Herlindianer zu sein, das bedeutete im Elfischen Frieden, nicht mehr ein Verfolgter oder Bedrohter zu sein. Herlindianer zu sein, das war ein gutes Gefühl. 

„Ich habe einen gesehen, ich habe einen gesehen...“ Der kleine Junge rannte einen Abhang hinunter auf einen Weg, der in das Dorf führte. Seit einigen Wintern schon bauten sich die Leute auch außerhalb des Dorfkerns ihre Hütten und es zeichnete sich ab, dass die, jetzt noch vereinzelt stehenden Behausungen, sehr bald mit dem wachsenden Dorf verschmelzen würden. 

Der Junge lief auf den Hauptweg, der aus dem Tal hier herführte, an einigen im Bau befindlichen Häusern vorbei, wo ein paar Männer ein Dach mit Holzbalken richteten und ein anderes mit dicht geflochtenen Strohmatten bedeckten. Einige Karren mit davor gespannten Eseln standen umher, voll beladen mit weiteren Holzbalken, Kisten voller großer Steine und allerlei Utensilien, die die Männer entluden und zu den Baustellen schafften. Am Wegesrand hatte eine Frau mit ihren Kindern einen Stand aufgebaut und kochte über einem Feuer eine Suppe, bereitete frisch gebackene Brotfladen zu und servierte den Arbeitern kaltes Quellwasser. Sehr geschäftig ging es zu und je näher der Junge der Dorfmitte kam, desto stärker nahm er das emsige Treiben wahr. Er rief immer wieder, dass er einen gesehen habe und viele der Umherstehenden oder -gehenden blickten ihm kopfschüttelnd oder mit fragenden Blicken nach. Manch einen beschlich eine Ahnung, wen der Junge denn gesehen haben mochte, denn die Leute kannten einander und auch um die Eigenheiten der Kleinsten wussten sie, ganz genauso die meisten auch mitbekamen, wenn jemand das Dorf verlassen oder auf Wanderschaft gehen wollte. Auch Fremde, die das Dorf besuchten, wurden sogleich erkannt. Im Grunde bekamen alle in diesem Dorf, alles sofort mit und scheuten sich auch nie, ihren Nachbarn davon zu erzählen. 

Der kleine Jimo wollte schon immer einen der berüchtigten Bergwölfe sehen und hatte seinem Vater viele Monde in den Ohren gelegen, ihn auf eine Bergwanderung in der Dämmerung mitzunehmen. Dorthin, wo Dorfbewohner glaubten, schon Wolfsgeheul gehört zu haben. Und tatsächlich hatte sich Vater Tragút breitschlagen und gegen den Unmut seiner Frau, Jimos Mutter, dazu hinreißen lassen, den Kleinen und noch zwei ältere Jungs aus dem Dorf, zu einer solchen Wanderung mitzunehmen. 

Das war gestern gewesen. Und erst heute kamen die vier wieder zurück, denn wenn überhaupt mit Bergwölfen zu rechnen war, dann ausschließlich oberhalb von Herlindes Hütte. Weiter unten ließen sich die Wölfe nicht blicken. 

Tragút und die anderen beiden Jungs kamen weniger aufgeregt und ohne Eile den Abhang hinunter, jeder mit einem kleinen Rucksack auf dem Rücken und einem selbst geschnitzten Wanderstab in der Hand. 

Wo bei den Jungs jedoch Stolz und die Aufregung über das Erlebte in den Gesichtern lagen, konnten aufmerksame Beobachter bei Tragút Sorge auf der gerunzelten Stirn und in dem nachdenklichen Blick erkennen. Er war, ganz im Gegensatz zu seinem Sohn, alles andere als erfreut über den Verlauf der gestrigen Dämmerung. Und was ihn noch viel mehr sorgte, war eine unerklärlich niederdrückende Empfindung tief in seinem Innern. Er ahnte bereits, welch Schicksal da sehr bald an seine Türe klopfen würde und spürte die verdrängten Verbindungen, die allen männlichen Nachkommen seiner Linie auf der Seele lagen, wenn es einer ganz bestimmten anderen Familie schlecht erging. 

 

Sie waren schon am Mittag aufgebrochen, da sie wussten, den halben Tag zu benötigen, um auf die Höhe von Herlindes Hütte zu gelangen. Aus der Ferne, sie waren schon viele Weilen gegangen und mussten auch ein Stück über sehr unwegsames Gelände laufen, beobachteten sie dann, als sie sich allmählich der Schneegrenze näherten, dass zwei Fremde sich auf dem Weg zur Hütte der Alten befanden. Unbeholfen und fluchend erklommen diese beiden Lumpen den Steilhang und öffneten dann die Türe unvermittelt, ohne zuvor anzuklopfen. Zunächst wollte Tragút ihnen etwas zurufen, aber dazu waren sie doch noch zu weit gewesen. 

Als er mit seinen drei Schützlingen dann, nach einer kleinen Verschnaufpause, ebenfalls den Fuß des Hügels erreichte, auf dem sich die Hütte befand, stand zu ihrer aller Erstaunen, ein großer schneeweißer und stattlicher Wolf vor der Hütte, mannshoch mit gespitzten Ohren und ganz auf das Geschehen im Innern der Hütte konzentriert. Zwei andere, hellgraue Wölfe saßen unweit auf einem rauen Felsvorsprung und beobachteten die Umgebung. Noch bevor Tragút und die Jungs überhaupt in die Nähe des Hügels gelangt waren, fixierten die stechenden Blicke der gelben Wolfsaugen ihr Kommen. Der weiße Wolf hingegen rührte sich nicht und blieb angespannt vor Herlindes Türe stehen. 

Tragút bedeutete den Jungs umgehend, stehenzubleiben und keinen Mucks von sich zu geben. Doch auch ohne seinen Hinweis, wagten die Kinder nicht, nur einen einzigen Fuß weiter in jene Richtung zu setzen, aus der die beiden wachenden Wölfe sie nun warnend anstierten. 

Den beiden älteren Kinder fielen die Kinnladen herunter und instinktiv wichen sie sogar wieder einige Schritt zurück. Angst packte sie jäh und ließ sie erschauern. Diese Wölfe waren viel größer, als sie sich vorgestellt hatten. Und der weiße mochte sogar beinahe so groß wie Tragút sein. 

Jimo hingegen war entzückt. Er liebte Tiere und trotz seiner erst zehn Winter währenden Kindheit, wusste er sehr viel über das Leben all der wilden Wesen, die in den Bergwäldern hausten, und war fasziniert von den unerklärlichen Wundern der Natur. 

Er wollte laut seinem freudigen Erstaunen Ausdruck verleihen, als Tragút ihm eine Hand auf den Mund presste, was Jimo viel mehr erschreckte als der Anblick der edlen Tiere in der Ferne. Zu gerne wäre er hingelaufen, zumindest näher heran, um endlich zu erfahren, was es mit diesen sagenumwobenen Bergbewohnern auf sich hatte. Aber Tragút hielt ihn fest. Mit großen Augen legte er einen Zeigefinger auf seine Lippen und schaute die Jungs streng an. Keinen Laut durften sie von sich geben, obwohl die Wölfe sie ja längst anvisierten und in Windes Eile bei ihnen wären, wenn ihnen der Sinn danach gestanden hätte. Doch sie blieben, wo sie waren. 

Tragút wollte sich umwenden und langsam und vorsichtig wieder hinabsteigen, doch dann hatte auch ihn die Faszination gepackt und er erlaubte sich, und vor allem Jimo, einige Augenblicke dieses Anblicks zu genießen. Er hoffte inständig, dass es bei einem Genuss bliebe und sich nicht in etwas wandelte, das keiner von ihnen wünschte. 

Irgendwann dann, die Zeit verging, ohne dass sie es bemerkten, öffnete der weiße Wolf unvermittelt die Türe. Er drückte sie einfach mit einer seiner mächtigen Pfoten auf und trat mit angelegten Ohren und nunmehr gefletschten Zähnen ins Innere. Die vier Beobachter hielten den Atem an. 

„Herlinde!“, hauchte einer der älteren Jungs und schlug sich entsetzt eine Hand vor den Mund. 

„Ihr wird nichts passieren“, sagte Tragút beruhigend, denn er wusste um die seltsamen Bande, die zwischen Herlinde und den Bergwölfen herrschte. Auch, wenn niemand die Hintergründe dieser ungewöhnlichen Freundschaft kannte oder je gesehen hatte, dass das Rudel sich mit Herlinde zusammen zeigte, kannten alle diese Geschichte. Das Schicksal der Bergwölfe war eng mit dem Herlindes verwoben und blind vertrauten sie einander, um vor allem den langen, unerbittlichen Wintern der Berge zu widerstehen. Angeblich waren es die Bergwölfe gewesen, die Lurado und Burado, die beiden Ziehsöhne der Alten, zu ihr gebracht und sie mit ihr zusammen aufgezogen hatten. Da gab es noch viel mehr zu berichten und nur jene, die dabei gewesen sind, wussten, wie es wirklich gewesen war. 

Kurz darauf polterten die beiden Lumpengesellen schreiend und über ihre eigenen Beine stolpernd, aus der Hütte. Ohne überhaupt nur zu schauen, wo sie hintraten, liefen sie panikergriffen einen Abhang zur anderen Seite der Hütte herab – schlitternd, kreischend und sich gegenseitig beschimpfend. Sie fielen immer wieder hin, stauchten sich sämtliche Knochen und humpelten dennoch weiter und weiter, so rasch sie nur konnten. Dann waren sie nicht mehr zu sehen und auch ihr Jammern verlor sich in den dunklen Nadelwäldern. 

Tragúts und der Jungen Blicke hingegen wendeten sich wieder der Hütte zu, wo nun der weiße Wolf vorsichtig und geduldig aus der Türe trat – an seiner Seite schritt gebeugt und auf einen Stock gestützt: Herlinde. Die Alte hatte einen Arm an das dichte Fell ihres Freundes gelehnt und lächelte milde. Irgendetwas sagte sie zu dem Tier, das sich ihr kurz zuwendete und an ihrem Gesicht schnupperte. Erst jetzt und bei diesem Anblick wurde den Dörflern so richtig bewusst, wie riesig dieser Wolf war. Ein einziger Happs und Herlindes Kopf wäre im Maul des mächtigen Tiers verschwunden. Aber die alte Frau lächelte noch immer, tätschelte dem weißen Wolf die Schnauze und schaute dann, als wüsste sie genau, dass die vier von hier unten aus alles mitverfolgten, geradewegs zu ihnen. 

Dann nickte sie und winkte den vieren freundlich zu. Tragút jedoch blickten ihre kleinen Äuglein tief in die seinen und obwohl Herlinde nicht mehr allzu gut zu sehen vermochte, traf ihn dieser Blick bis ganz hinein in seine Seele. Was will sie mir sagen? 

Dann ging die Alte zurück in ihre Hütte. Die grauen Wölfe erhoben sich nun und schleckten dem weißen unterwürfig die Schnauze, während er genauestens darauf achtete, was die vier anderen Menschen taten. 

„Ich denke, es ist Zeit, zu gehen“, flüsterte Tragút und als Jimo protestieren wollte, fügte er hinzu: „Keine Widerrede! Und kein Wort höre ich aus Euren Mündern! Kein Wort!“ Er hob drohend den Zeigefinger und schob Jimo, den anderen zweien voran, den Weg hinab. 

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© 2018 by Oliver Wendt - O.E.Wendt, Deutschland

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