Leseprobe

Galaktische Welten 

Aus dem ersten Kapitel:

„Einer Empfehlung zu folgen, heißt nicht, die Entscheidungsgewalt abzugeben, mein Lieber! Oder willst du vielleicht anzweifeln, dass die Chrys mir gehört?“, fragte Brendan mit hochgezogenen Augenbrauen. 

„Diese Frage liegt doch gar nicht zur Erörterung in diesem Gespräch, Captain!“, erwiderte Klick-Klick. „Sie sollten zur Förderung einer reibungslosen Kommunikation darauf achten, keinerlei Themen durcheinanderzumischen. Es führt zu Verwirrung und entfernt beide Gesprächspartner vom Ziel.“ 

Brendan verdrehte die Augen und lachte. „Wie recht du natürlich wieder hast.“ 

Er wendete sich wieder um und blickte auf Tau Ceti, diesem, der Ursonne Sol sehr ähnlichen, Stern. Die ansonsten naturgetreue Projektion sorgte dafür, dass derart helle Objekte entsprechend gefiltert erschienen, damit niemand einen Netzhautschaden davontrug. Da der Stern rund die Hälfte schwächer strahlte, als Sol, rückte auch die habitable Zone wesentlich näher an dessen Heliosphäre und somit befand sich Goliath mit seinem Mond Tanach gerade einmal 0,64 Astronomische Einheiten von ihm entfernt. Entsprechend groß erschien der Sonnenauf- und -untergang von dem Planeten aus gesehen. 

Tau Ceti prahlte nun als glühender Gigant vor ihnen. Seine Strahlkraft erlaubte keinem anderen Himmelsobjekt, sich in ein wahrnehmbares Sichtfeld zu rücken. 

„Ich mag den Anblick von Sonnen“, sagte Brendan, den die Wärme und das lebensspendende Licht solcher gelben Sterne beruhigten. „Sie geben Hoffnung und strahlen eine solche Ruhe aus, finde ich.“ 

„Nun, Captain Brendan...“, wollte Klick-Klick beginnen und da üblicherweise selbst sein hochsensibles Auffassungsvermögen inklusive eingeschaltetem Emochip, ihn noch immer von den irrationalen Aussagen und Eindrücken der Menschen trennte, unterbrach Brendan ihn sogleich, da sich anderenfalls ein Monolog faktisch korrekter und nicht enden wollender Erklärungen über die Beschaffenheit von Tau Ceti und ihrer Folgen für den Betrachter anschließen würde. 

„Ich weiß, Klick-Klick!“, sagte er wohlwollend lächelnd. „Eine Sonne ist nicht ruhig und Tau Ceti ist auch kälter als manch anderer Stern. Ich benötige diese Informationen aber gerade jetzt gar nicht. Danke!“

Der Androide verstummte und blickte schweigend auf die vor ihnen schimmernde Sonne. Brendan glaubte in derartigen Situation, dass Klick-Klicks Mundwinkel leicht beleidigte Züge aufwiesen; er war sich dessen jedoch nicht sicher. 

„Möchten Sie ökonomisch sinnvoll oder zeitsparend fliegen, Captain Brendan?“, erinnerte Chrys an die noch immer im Raum stehende und unbeantwortete Frage. 

„Weißt du, Chrys, das Problem ist, dass wir noch nicht genau wissen, wo wir hinwollen. Wenn wir am Tor angekommen sind, brauchen wir erst die Koordinaten für unseren Durchgang. Deshalb können wir uns noch etwas Zeit lassen.“ 

„Habe verstanden, Captain Brendan“, sagte das Schiff voller Geduld. „Es wird aufgrund des neuerlich sinkenden Kontostandes von Vorteil sein, die ökonomische Weise vorzuziehen.“ 

„Wieso?“ Brendan drehte sich abermals mit verdutztem Gesichtsausdruck zu Einstein um. Der aber zuckte nur die Schultern und deutete auf Klick-Klick. „Er kümmert sich um die Rechnungen und das Haushaltsbuch.“ 

Brendans Blick suchte Klick-Klick, von dem er erwartete, dass er ihn über nennenswerte finanzielle Veränderungen informierte. Vorwurf lag in diesem Blick und Klick-Klick wusste das sehr wohl zu deuten. Brendan fragte sich, ob der Androide so etwas wie Herablassung in Stimme und Gesichtsausdruck legte, als er ihm antwortete: „Schon vor ein paar Tagen, Captain Brendan, habe ich darauf hingewiesen, dass sich die letzten Modifizierungen an Ihrem Schiff nicht nur umfangreich in ihren Ausführungen, sondern auch in ihren Bezahlungen niederschlugen. Sie wiesen mich ab mit dem Hinweis, Ihnen Bescheid zu sagen, sobald wir wirklich pleite wären.“ 

„Also sind wir nicht pleite“, schloss Brendan und lehnte sich erleichtert zurück, bis Klick-Klick anschloss: „Noch nicht, Captain Brendan!“ 

„Noch nicht?“ Nun drehte Brendan seinen Sessel erneut herum, diesmal jedoch komplett, so dass er dem Androiden frontal ins Gesicht blicken konnte. „Für mich klingt das, als stünden wir kurz davor.“ 

„Nun ja“, begann Klick-Klick und Brendan hätte sonstwas darauf wetten können, dass es dem Androiden Spaß bereitete, ihm diese Dinge mit einer gewissen Genugtuung  unter die Nase zu reiben. „Selbstverständlich handelt es sich bei einer derartigen Aussage um einen Bezug auf eine mögliche zukünftige Entwicklung, die jedoch von vielerlei Faktoren abhängig und somit relativ zu betrachten ist.“ 

„Wir haben, während unserer Zeit in den Diensten Prätors, wirklich gut verdient, Klick-Klick. Und die größten Neuerungen an der Chrys wurden von Prinzipat Nerva bezahlt. Das zumindest war so vereinbart worden und mir hat auch niemand davon berichtet, dass es anders wäre. Und mein Sold als Kulturbotschafter ist auch in Ordnung, oder etwa nicht?“ 

„Nun ja, Captain Brendan.“ Klick-Klick rief einige der letztmonatigen Kostenrechnungen auf und warf sie auf einen Holoschirm, den er gleich vor Brendans Gesicht positionierte. Und auch ohne, dass Klick-Klick begann, die endlosen Zahlenreihen zu dokumentieren, erkannte Brendan, dass die linke und somit rote Spalte deutlich üppiger ausfiel, als die nebenstehende schwarze rechte. 

„Sie befinden sich durchaus noch im Habenbereich, Captain. Allerdings dürften Ihre Reserven nach unserem nächsten Durchgang aufgebraucht sein. Im Übrigen hat Prätor die Zahlungen für Ihr Amt des Kulturbotschafters eingestellt, nachdem ihnen zu Ohren gekommen war, dass Sie sich erneut in den Pegarenflug und somit für über 310 Jahre in die Hibernation begeben haben. Man darf es den Prätorianern nicht verübeln, denke ich, denn schließlich konnten Sie, Captain, in den Jahren ihres Kälteschlafs keinerlei kulturelle Überzeugungsarbeit bezüglich des Planeten Prätor und seiner mannigfaltigen Errungenschaften leisten.“ 

Brendan fühlte sich vor den Kopf gestoßen. Sie waren bereits seit Wochen aus der Hibernation aufgewacht und hatten, nach ihrem Besuch auf Azur, einige Zeit auf Goliath verbracht, den sie glücklicherweise mittels eines Tordurchgangs besuchen konnten. In den Jahren ihrer Reise war erstaunlich viel mit der Tortechnik geschehen. Beinahe alle ursprünglichen Tore, die noch von den Aliens gebaut worden waren, wurden von neuartigen ersetzt, womit ein versehentlicher Durchgang nach Andromeda oder umgekehrt ausgeschlossen wurde. 

„Aber entschuldige bitte, Klick-Klick oder auch du, Einstein...“ Brendan hob beide Arme in die Luft und ließ sie hilflos wieder laut klatschend auf die Armlehnen fallen. „Ihr wisst doch, dass wir nicht von Luft leben können. Was soll denn das? Bin ich mit einem Kindergarten unterwegs oder mit erfahrenen Pegaren, die sich auskennen in den Weiten unseres verdammten Spiralarms? Mann oh Mann! Ich bin echt sauer!“ Er stand auf und lief umher. Trotzig schlug er wirkungslos nach der Zahlenprojektion, die nur kurz aufflackerte und sich wieder stabilisierte.  

„Mein lieber Brendan!“, sagte Einstein, der sich jedoch weiter seinen Berechnungen widmete und auch gar keine Anstalten machte, sich den Geschehnissen auf der Brücke zuzuwenden. Er tippte weiter fleißig in seiner Konsole herum, was leicht bizarr wirkte, da er dennoch mit Brendan sprach. „Du solltest inzwischen wissen, dass Klick-Klick sehr präzise Anweisungen benötigt und sich im Gegenzug auch sehr präzise daran hält. Hättest du ihm – oder mir – gesagt, dass du informiert werden willst, bevor du pleite bist, wäre das mit Sicherheit auch geschehen.“

„Also wirklich!“, empörte sich Brendan, der sich vorgenommen hatte, nie wieder in derart desolate Finanzlagen wie zu Beginn seiner Karriere zu geraten. „Klick-Klick ist ja eine Sache – aber du, Einstein könntest mir doch mal rechtzeitig Bescheid geben.“ 

„Ehrlich gesagt, mein junger Freund, habe ich genug andere Dinge zu erledigen und wirklich Freude machen Haushaltsbücher auch nicht. Ich wusste sie bei Klick-Klick eigentlich in guten Händen. Wie gesagt – präzise Anweisungen ergeben präzise Ergebnisse.“ 

„Also bin ich jetzt selbst Schuld, oder was?“ 

Schweigen schlug ihm entgegen und somit die sichere Bestätigung, dass dem so war. 

„Und was jetzt?“, fragte Brendan in die Runde, zu der auch das Schiff zählte, was sich freundlich einschaltete: „Captain Brendan, Sie haben in den vergangenen Wochen, seit Sie auf Goliath gelandet sind, genau vierzehn geschäftliche Anfragen erhalten, von denen drei als vielversprechend anzusehen sind und eine sogar Ihr finanzielles Problem soweit reduzieren würde, dass Sie sich bei ihrem derzeitigen Kostenverhalten rund dreieinhalb Jahre würden wohlfühlen können.“ 

„Was meinst du denn mit derzeitigem Kostenverhalten?“, fragte Brendan, der es hasste, sich um diesen ganzen Geld- und Datenkram zu kümmern. 

Klick-Klick antwortete: „Captain, Chrys will damit sagen, wenn Sie den Auftrag annehmen und bezahlt werden, können Sie dreieinhalb Jahre so weiterleben, wie in den Wochen, seit wir auf Goliath gelandet sind. Das bedeutet, bei einem linearen durchschnittlichen Kostenverhalten.“ 

„Verstehe. Wenn ich nicht mehr ausgebe, als in den letzten Wochen, haben wir über drei Jahre auch weiterhin zu essen.“ 

„Lebensmittel sind in der Rechnung enthalten – das ist korrekt, Captain!“, sagte Klick-Klick. 

„Nimm den Auftrag an, Brendan“, schlug Einstein geistesabwesend vor. „Dann haben wir wenigstens eine Zeit lang Ruhe und können überlegen, wie es weitergeht.“ 

„Doch nicht etwa JCB?“, fragte Brendan mehr sich selbst und musste dabei grinsen. Er blieb stehen und versuchte sich an den Wortlaut seines damaligen Firmenslogans zu erinnern. Das war so lange her, dass er schon gar nicht mehr wusste, ob der Eintrag im Register noch vorhanden war. Aber wahrscheinlich schon, denn eine Löschung fand nur statt, bei persönlicher Veranlassung oder aufgrund des Todes des Besitzers beziehungsweise Freischaffenden. Denn das war Brendan seinerzeit gewesen: Freischaffender Fracht- und Personenbeförderer mit zahlreichen Fluglizenzen, die er noch bei der Neutralen Behörde erworben hatte, welche schon ewig nicht mehr existierte. 

„JCB, ganz genau, Captain Brendan!“, bestätigte Klick-Klick. Er lächelte. „Sie haben ein gutes Gedächtnis heute. Just call Brendan lautet Ihr Registereintrag. Und er ist noch immer gültig, da Sie den Pegarenstatus besitzen. Die meisten der von Chrys erwähnten Anfragen erreichten uns aufgrund dieses Eintrags. Offiziell sind Sie immer noch selbstständig.“ 

„Aber hatte ich den Eintrag nicht lediglich auf Little Silence vornehmen lassen?“, fragte Brendan stirnrunzelnd. 

„Das ist schon einige Jahrhunderte her, Captain“, antwortete Klick-Klick. „Die Registereintragungen der jeweiligen Planeten sind, nach der Bildung der Intersystematischen Konferenz, in das Intergalaktische Register eingegangen, sofern keiner der Teilnehmer sich für eine Streichung ausgesprochen hat. Das haben Sie zweifelsfrei nicht getan, Captain.“

„Ach, dann stehe ich also mit JCB im Intergalaktischen Register für freischaffende Fracht- und Personenbeförderer?“ 

„Sie bezahlen schließlich auch die Gebühren dafür“, antwortete Klick-Klick. „Und wie Sie sehen, lohnt es sich. Denn wenn Sie die Anfragen abarbeiten, sind auch Ihre befürchteten finanziellen Sorgen verschwunden.“ 

Wieder einmal ertappte Brendan sich dabei, wie wenig er sich um solche Angelegenheiten kümmerte. Er war es im Prinzip selbst Schuld, dass er schon wieder kurz vor der Pleite stand. Sorglos alles dem Androiden überlassen zu haben, war vielleicht in Bezug auf seine Finanzlage nicht die beste Idee gewesen. 

„Außerdem“, fuhr Klick-Klick mit einem gesteuerten Anflug von Stolz fort, „erinnern sich die Menschen auch nach über dreihundert Jahren noch an Ihre Taten und an das, was Sie für den Orionarm getan haben. Und Ihr Ruf als Gardist in den Diensten Nervas eilt Ihnen weiterhin weit voraus, Captain. Wenngleich man das Pegarendasein in vielen Winkeln des bewohnten Spiralarms auch schon vergessen hat, wissen die Leute in gewissen Kreisen dennoch um Ihre Fähigkeiten.“ 

Kurz fragte sich Brendan, um welche Fähigkeiten es sich dabei wohl handeln mochte, verwarf den Gedanken aber umgehend wieder. Und wenn es oftmals auch das pure Glück gewesen war, und das Zusammenspiel seiner damaligen Crew, das ihnen Erfolge und Siege einbrachte, so waren eben diese Konstellation und die sich daraus ergebenden Entscheidungen, das passende Rezept für die Lösung kniffliger Situationen. 

„JCB – Forschungsreisen und Kurierdienste, Sonderaufträge und Außergewöhnliches. Sie benötigen ein Raumschiff mit einer erstklassigen Mannschaft? Wir bieten alles – mit Diskretion. Personenbeförderung und Rundumversorgung. Sitz des Unternehmens: Uma-47, Little Silence, Registereintrag 98770023/B/PEG“, zitierte Klick-Klick den Eintrag. 

„Richtig!“ Brendans Gesicht erhellte sich wieder. Er ging zu seinem Sessel zurück, setzte sich und schwelgte in Erinnerungen. „Ach, das waren noch Zeiten, was Einstein? Wir beide mit der Harry unterwegs zu den reizenden Xinianern.“ 

„Erinnere mich bloß nicht daran“, bat der weißhaarige Wissenschaftler und rückte sich seine Brille zurecht. „Dieses Schiff war gemeingefährlich.“ 

„Ach, und die Xinianer vielleicht nicht?“, fragte Brendan. 

„Die Xinianer sind auch nicht schlimmer als andere Menschen. Mit diesem ersten Auftrag hat seinerzeit alles begonnen“, sagte Einstein. „Damals hast du deine ersten Aliens gesehen, Brendan. Und du warst fast noch ein Junge. Zumindest hast du dich so aufgeführt.“ 

„Ja, das stimmt! Aber ich hatte zum Glück dich, alter Freund.“ 

„Ich war froh für dich zu arbeiten, Brendan. Wir haben uns zum rechten Zeitpunkt getroffen, glaube ich.“ 

„Tja, manchmal habe ich das Gefühl, dass immer alles zum rechten Zeitpunkt geschieht.“ 

„Das ist pure Logik“, bemerkte Klick-Klick, während er gleichzeitig die von der Chrys erwähnte Anfrage aufrief. „Alles, was geschieht, geschieht zu einem bestimmten Zeitpunkt. Wenn es aber geschieht, kann es genau dann ja nur der korrekte Zeitpunkt sein. Sonst würde es ja nicht geschehen.“ 

„Darauf lasse ich mich jetzt nicht ein, Klick-Klick.“ Brendan blickte sich auf der weitläufigen Brücke um. „Sag mal, wo ist eigentlich Green?“ 

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© 2018 by Oliver Wendt - O.E.Wendt, Deutschland

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