Leseprobe

Galalktische Welten 

1 – Crew

„Wie lange fliegen wir?“, wollte Brendan wissen und strich mit einer Hand über seinen ausnahmsweise sehr gepflegten Vollbart und danach über die neuerdings ziemlich kurz geschorenen Haare.

Er saß mit wachem Blick in seinem Captainsessel auf der geräumigen Brücke und genoss die zuletzt fertiggestellten Arbeiten des neuen topgestylten Innendesigns seines Schiffs.

„Möchten Sie ökonomisch sinnvoll oder zeitsparend fliegen, Captain Brendan?“, fragte die samtweiche weibliche Stimme der Chrys, deren Sensoren und Lautsprecher im gesamten Schiff verteilt lagen und somit überall und zu jeder Zeit für eine Kommunikation zur Verfügung standen. 

„Pfff...“ Brendan pustetet die Luft laut aus. Er wusste nicht so recht darauf zu antworten und schaute ratlos rüber zu seinem väterlichen Freund und wissenschaftlichen Berater Einstein, der übrigens genauso aussah, wie er sich auch nannte. 

Megando di Facil alias Einstein stammte von Goliath, dem Planeten, den sie gerade besucht hatten, weil Brendan die Heimat seines alten Freundes kennenlernen und sich darüber hinaus von den einmaligen Gentechnikgesetzen dort ein Bild machen wollte. Zudem benötigten alle an Bord eine Atempause. 

Einstein saß an seiner Konsole, in der sich unzählige Benutzeroberflächen befanden und etliche Permanentscreens, die heutzutage vollkommen obsolet waren. Holoprojektionen erstellten längst derart perfekte Wiedergaben, jederzeit und überall, drei- oder auch zweidimensional, dass fest installierte Screens nur noch in Ausnahmefällen oder für bestimmte permanente Effekte wie beispielsweise imitierte Fenster oder sich verändernde Innenwände gefertigt wurden. Perfekte und glasklare Holoprojektionen wurden überall und umgehend aufgerufen und es spielte absolut keine Rolle, ob es sich dabei um einen weit entfernten Gesprächspartner oder lange und komplizierte Listen irgendwelcher Zahlenreihen oder Berechnungen handelte. 

Einstein und Brendan wechselten sich in ihren Ansichten über Modernisierung versus Nostalgie häufig ab. Mal trat das Eine und mal das Andere zum Vorschein, was sich auch an Bord der Chrys widerspiegelte. Trotz seines ausgeprägten Modernisierungsfimmels und dem Wunsch, sich stets auf dem neuesten Stand der Technik zu befinden, bewahrte sich Brendan in manchen Bereichen auch veraltete Ansichten und lehnte neue, in seinen Augen zu befremdliche, technische Ideen ab. 

Die noch im beginnenden dritten Jahrtausend aufkommenden Cyberimplantate beispielsweise, die von der alten Erde aus ihren Weg zu den anderen Planeten fanden, erfreuten sich wachsender Beliebtheit und in manchen Gegenden des heimatlichen Orionarms der Galaxie entwickelte sich dieser Zweig der Technik, der neben biomechatronischen und biokybernetischen Faktoren auch künstliche neuronale Netzwerke mit einbezog, sowie zahlreiche andere biotechnische Finessen, zu einem für manche Gesellschaften unverzichtbaren Bestandteil ihres Alltags. 

Ähnlich den besonders toleranten Gesetzen für Gentechnik und deren Möglichkeiten auf Goliath und noch mehr auf dessen Trabanten Tanach, herrschten mancherorts ebensolche Gesetze für die Cybertechnik. Zahlreiche Menschen konnten daher mit Fug und Recht längst als wahrhafte Cyborgs bezeichnet werden und legten sogar Wert darauf. 

Brendan zeigte sich diesbezüglich, wie bei etlichen anderen Themen auch, eher ambivalent. Er befürwortete und liebte das Fortschreiten von technologischen Möglichkeiten, mochte jedoch bei alledem seine eigene Ethik, die ihm seine Eltern und später dann die Leiter des Kinderheims auf Bahurai mit auf den Weg gegeben hatten, nicht außer Acht lassen. 

 

Einstein grübelte an einer Formel zur Verbesserung ihrer Antriebe, an der er bereits seit einigen Wochen saß. Um die hochsensible Technik des Fusionators und Komprimators der Chrys zu optimieren, spaltete er jenen hochaktiven Teil seines genmanipulierten Übergehirns ab und nutzte einen kleineren, um Brendan zu antworten. 

Der Professor wirkte aufgrund seiner speziellen Fähigkeiten oftmals abwesend und zuweilen recht bizarr auch im Verhalten, wollten seine zahlreichen und im Übermaß vorhandenen Neuronen doch stets beschäftigt werden. Aber sein Herz pochte gütig und fürsorglich in einem regelmäßigen und kräftigen Rhythmus, wenngleich oft auch unerkannt und ignoriert. 

„Warum schaust du mich an?“, fragte er und rückte währenddessen seine völlig überflüssige und permanent rutschende Brille mit einem Finger die Nase wieder herauf. Die antiquierte Brille stellte, neben der einen oder anderen zusätzlichen skurrilen Eigenheit, seine ganz persönliche Hommage an den brillanten gleichnamigen Professor des zweiten Jahrtausends dar. 

 

Alle, die sich zur Zeit auf der, gänzlich in schwarzem und gesondert gehärtetem Obsidian ausgekleideten, Brücke befanden, blickten in Flugrichtung auf den frontal alles einnehmende Permanentscreen, der sich mit der Wölbung dieses größten Raums der Chrys zu den Seiten fortsetzte und deren von den zahlreichen Außenkameras aufgenommenen Übertragungen ihnen die Illusion bot, vor einer volltransparenten 180-Grad-Panoramascheibe zu sitzen. 

Alle Sterne, Planeten, sämtliche optische Phänomene, die ihnen im Wachzustand begegneten, wenn sie sich hier befanden, zeigten sich so in Echtzeit. Das Gefühl des Eingesperrtseins entfiel. 

Reale Fenster fanden sich auf der Chrys kaum und wenn, nur sehr klein. Die allermeisten Raumschiffe dieser Tage verzichteten gänzlich auf Fenster, um Gefahren durch Strahlung und Mikroteilchen, vor allem bei Hochgeschwindigkeitsflügen über mehrere Jahre, zu minimieren. 

„Seit du dich entschieden hast, Chrys auch endlich selbst sprechen zu lassen, was meiner Meinung nach absolut überfällig war, ist sie die einzige an Bord, die tatsächlich immer die richtige Entscheidung trifft“, meinte Einstein. „Also lass sie entscheiden.“ 

„Ich protestiere!“, mischte sich nun auch Klick-Klick ein, der, chronologisch gesehen, zweite Androide, den Brendan in seine Dienste genommen hatte und der bis vor kurzem sämtliche Aufgaben der Chrys übernahm, indem er sich mit seinem integrierten Multiinterface, sobald er an Bord kam, mit ihr verband und sozusagen eins mit ihr wurde und die kompletten Funktionen und Abläufe inner- und außerhalb des Schiffs steuerte. Er saß gleich hinter Einstein, jedoch an einer viel kleineren Konsole und ohne jegliche Bildschirme. Damit er die, biologisch betrachtet, lebendigen Mitglieder der Crew nicht zu sehr irritierte, behielt er stets einen Holoscreen vor seinem Sichtfeld geöffnet. 

„Während der vergangenen 823 Jahre habe ausschließlich ich dieses Schiff gesteuert und somit die wichtigsten Entscheidungen getroffen...“ 

„Moooment mal!“, widersprach Brendan umgehend und drehte seinen Sessel nun genau in Richtung seiner beiden Gefährten, woraufhin die transparente Schädeldecke von Klick-Klick hektisch in einem gedämpften Blau zu blinken begann. Genauso blau wie seit seiner letzten Generalüberholung auch seine Augen strahlten, die in zwei goldfarbenen Glaskörpern saßen. Klick-Klick sah seit seiner Herstellung stets aus wie ein Zwanzigjähriger, speicherte aber, ganz so wie auch die Chrys, ein Wissen von weit über 800 Jahren, inklusive sämtlicher Informationsfluten, die er von allen bewohnten Welten und sendenden Schiffen im Raum erhielt. Derartige Androiden und Schiffe gehörten ausnahmslos dem Pegarenbereich an, da gewöhnliche Raumfahrer ihre Schiffe gar nicht erst auf eine längere Lebensdauer als zwei oder drei Generationen ausrichteten und erst Recht nicht ihre Roboter, die sie in regelmäßigen Abständen durch neue Modelle ersetzen ließen. 

Schon auf seinen letzten Reisen hatte Brendan darauf verzichtet über die Aktivierung von Klick-Klicks Emochip zu befinden. Der Androide sollte selbst entscheiden, ob Gefühlssimulationen hilfreich wären oder nicht. Daher standen Klick-Klicks Emotionssimulatoren nun häufiger auf Dauerbetrieb. 

„Du hast zwar, sehr korrekt, das Schiff gesteuert und auch für nahezu nahtlose Informationen gesorgt, entschieden aber habe immer ich, mein Freund!“ 

Klick-Klick stutzte nur kurz. Seine einstmaligen ruckartigen Bewegungen traten nicht mehr auf, genauso wie sein namengebendes Klicken, was Brendan manchmal sogar vermisste. So vorzüglich sich ja die Neuerungen und Erweiterungen seiner Roboter auch bewährten, zeugten doch die einstigen kleinen auffallenden Unregelmäßigkeiten von so etwas wie einem Charakter. Aber glücklicherweise sorgte Klick-Klick durch seine unnachahmliche Art der Besserwisserei dennoch für ausreichend charakterliche Eigenwilligkeit. 

„Aber Sie sind zu 96,3 % meinen Empfehlungen gefolgt, Captain Brendan“, sagte Klick-Klick mit einem sehr vorsichtigen Lächeln. Er saß in anatomisch perfekter Haltung an seiner Konsole. Anstelle von Kleidung – sie hätte zahlreiche seiner Funktionen behindert – trug er um den Scham- und Gesäßbereich lediglich einen fest installierten Schurz aus dunklem, nicht glänzendem Titan, in dessen, dem männlichen Humanoiden nachempfundenen Innenraum, etliche vorteilhafte Werkzeuge und inzwischen sogar äußerst raffinierte Waffensysteme einlagerten. 

„Einer Empfehlung zu folgen, heißt nicht die Entscheidungsgewalt abzugeben, mein Lieber! Oder willst du vielleicht anzweifeln, dass die Chrys mir gehört?“, fragte Brendan mit hochgezogenen Augenbrauen. 

„Diese Frage liegt doch gar nicht zur Erörterung in diesem Gespräch, Captain!“, erwiderte Klick-Klick. „Sie sollten zur Förderung einer reibungslosen Kommunikation darauf achten, keinerlei Themen durcheinanderzumischen. Es führt zu Verwirrung und entfernt beide Gesprächspartner vom Ziel.“ 

Brendan verdrehte die Augen und lachte. „Wie Recht du natürlich wieder hast.“ 

Er wendete sich wieder um und blickte auf Tau Ceti, diesem, der Ursonne Sol sehr ähnlichen, Stern. Die ansonsten naturgetreue Projektion sorgte dafür, dass derart helle Objekte entsprechend gefiltert erschienen, damit niemand einen Netzhautschaden davontrug. Da der Stern rund die Hälfte schwächer strahlte, als Sol, rückte auch die habitable Zone wesentlich näher an dessen Heliosphäre und somit befand sich Goliath mit seinem Mond Tanach gerade einmal 0,64 Astronomische Einheiten von ihm entfernt. Entsprechend groß erschien der Sonnenauf- und -untergang von dem Planeten aus gesehen. 

Tau Ceti prahlte nun als glühender Gigant vor ihnen. Seine Strahlkraft erlaubte keinem anderen Himmelsobjekt, sich in ein wahrnehmbares Sichtfeld zu rücken. 

„Ich mag den Anblick von Sonnen“, sagte Brendan, den die Wärme und das lebensspendende Licht solcher gelben Sterne beruhigten. „Sie geben Hoffnung und strahlen eine solche Ruhe aus, finde ich.“ 

„Nun, Captain Brendan...“, wollte Klick-Klick beginnen und da üblicherweise selbst sein hochsensibles Auffassungsvermögen inklusive eingeschaltetem Emochip, ihn noch immer von den irrationalen Aussagen und Eindrücken der Menschen trennte, unterbrach Brendan ihn sogleich, da sich anderenfalls ein Monolog faktisch korrekter und nicht enden wollender Erklärungen über die Beschaffenheit von Tau Ceti und ihrer Folgen für den Betrachter anschlösse. 

„Ich weiß, Klick-Klick!“, sagte er wohlwollend lächelnd. „Eine Sonne ist nicht ruhig und Tau Ceti ist auch kälter als manch anderer Stern. Ich benötige diese Informationen aber gerade jetzt gar nicht. Danke!“

Der Androide verstummte und blickte schweigend auf die vor ihnen schimmernde Sonne. Brendan glaubte in derartigen Situation, dass Klick-Klicks Mundwinkel leicht beleidigte Züge aufwiesen; er war sich dessen jedoch nicht sicher. 

„Möchten Sie ökonomisch sinnvoll oder zeitsparend fliegen, Captain Brendan?“, erinnerte Chrys an die noch immer im Raum stehende und unbeantwortete Frage. 

„Weißt du, Chrys, das Problem ist, dass wir noch nicht genau wissen, wo wir hinwollen. Wenn wir am Tor angekommen sind, brauchen wir erst die Koordinaten für unseren Durchgang. Deshalb können wir uns noch etwas Zeit lassen.“ 

„Habe verstanden, Captain Brendan“, sagte das Schiff voller Geduld. „Es wird aufgrund des neuerlich sinkenden Kontostandes von Vorteil sein, die ökonomische Weise vorzuziehen.“ 

„Wieso?“ Brendan drehte sich abermals mit verdutztem Gesichtsausdruck zu Einstein um. Der aber zuckte nur die Schultern und deutete auf Klick-Klick. „Er kümmert sich um die Rechnungen und das Haushaltsbuch.“ 

Brendans Blick suchte Klick-Klick, von dem er erwartete, dass er ihn über nennenswerte finanzielle Veränderungen informierte. Vorwurf lag in diesem Blick und Klick-Klick wusste das sehr wohl zu deuten. Brendan fragte sich, ob der Androide so etwas wie Herablassung in Stimme und Gesichtsausdruck legte, als er ihm antwortete: „Schon vor ein paar Tagen, Captain Brendan, habe ich darauf hingewiesen, dass sich die letzten Modifizierungen an Ihrem Schiff nicht nur umfangreich in ihren Ausführungen, sondern auch in ihren Bezahlungen niederschlugen. Sie wiesen mich ab mit dem Hinweis Ihnen Bescheid zu sagen, sobald wir wirklich pleite wären.“ 

„Also sind wir nicht pleite“, schloss Brendan und lehnte sich erleichtert zurück, bis Klick-Klick anschloss: „Noch nicht, Captain Brendan!“ 

„Noch nicht?“ Nun drehte Brendan seinen Sessel erneut herum, diesmal jedoch komplett, so dass er dem Androiden frontal ins Gesicht blicken konnte. „Für mich klingt das, als stünden wir kurz davor.“ 

„Nun ja“, begann Klick-Klick und Brendan hätte sonstwas darauf wetten können, dass es dem Androiden Spaß bereitete, ihm diese Dinge mit einer gewissen Genugtuung  unter die Nase zu reiben. „Selbstverständlich handelt es sich bei einer derartigen Aussage um einen Bezug auf eine mögliche zukünftige Entwicklung, die jedoch von vielerlei Faktoren abhängig und somit relativ zu betrachten ist.“ 

„Wir haben während unserer Zeit in den Diensten Prätors wirklich gut verdient, Klick-Klick. Und die größten Neuerungen an der Chrys wurden von Prinzipat Nerva bezahlt. Das zumindest war so vereinbart worden und mir hat auch niemand davon berichtet, dass es anders wäre. Und mein Sold als Kulturbotschafter ist auch in Ordnung, oder etwa nicht?“ 

„Nun ja, Captain Brendan.“ Klick-Klick rief einige der letztmonatigen Kostenrechnungen auf und warf sie auf einen Holoschirm, den er gleich vor Brendans Gesicht positionierte. Und auch ohne, dass Klick-Klick begann die endlosen Zahlenreihen zu dokumentieren, erkannte Brendan, dass die linke und somit rote Spalte deutlich üppiger ausfiel, als die nebenstehende schwarze rechte. 

„Sie befinden sich durchaus noch im Habenbereich, Captain, allerdings dürften Ihre Reserven nach unserem nächsten Durchgang aufgebraucht sein. Im Übrigen hat Prätor die Zahlungen für Ihr Amt des Kulturbotschafters eingestellt, nachdem ihnen zu Ohren gekommen war, dass Sie sich erneut in den Pegarenflug und somit für über 310 Jahre in die Hibernation begeben haben. Man darf es den Prätorianern nicht verübeln, denke ich, denn schließlich konnten Sie, Captain, in den Jahren ihres Kälteschlafs keinerlei kulturelle Überzeugungsarbeit bezüglich des Planeten Prätor und seiner mannigfaltigen Errungenschaften leisten.“ 

Brendan fühlte sich vor den Kopf gestoßen. Sie waren bereits seit Wochen aus der Hibernation aufgewacht und hatten nach Azur einige Zeit auf Goliath verbracht, den sie glücklicherweise mittels eines Tordurchgangs besuchen konnten, da in den Jahren ihrer Reise erstaunlich viel mit der Tortechnik geschehen war. Beinahe alle ursprünglichen Tore, die noch von den Aliens gebaut worden waren, wurden von neuartigen ersetzt, womit ein versehentlicher Durchgang nach Andromeda oder umgekehrt ausgeschlossen war. 

„Aber entschuldige bitte, Klick-Klick oder auch Du, Einstein...“ Brendan hob beide Arme in die Luft und ließ sie hilflos wieder laut klatschend auf die Armlehnen fallen. „Ihr wisst doch, dass wir nicht von Luft leben können. Was soll denn das? Bin ich mit einem Kindergarten unterwegs oder mit erfahrenen Pegaren, die sich auskennen in den Weiten unseres verdammten Spiralarms? Mann oh Mann! Ich bin echt sauer!“ Er stand auf und lief umher. Trotzig schlug er wirkungslos nach der Zahlenprojektion. 

„Mein lieber Brendan!“, sagte Einstein, der sich jedoch weiter seinen Berechnungen widmete und auch gar keine Anstalten machte, sich den Geschehnissen auf der Brücke zuzuwenden. Er tippte weiter fleißig in seiner Konsole herum. „Du solltest inzwischen wissen, dass Klick-Klick sehr präzise Anweisungen benötigt und sich im Gegenzug auch sehr präzise daran hält. Hättest du ihm – oder mir – gesagt, dass du informiert werden willst, bevor du pleite bist, wäre das mit Sicherheit auch geschehen.“

„Also wirklich!“, empörte sich Brendan, der sich vorgenommen hatte nie wieder in derart desolate Finanzlagen wie zu Beginn seiner Karriere zu geraten. „Klick-Klick ist ja eine Sache – aber Du, Einstein könntest mir doch mal rechtzeitig Bescheid geben.“ 

„Ehrlich gesagt, mein junger Freund, habe ich genug andere Dinge zu erledigen und wirklich Freude machen Haushaltsbücher auch nicht. Ich wusste sie bei Klick-Klick eigentlich in guten Händen. Wie gesagt – präzise Anweisungen ergeben präzise Ergebnisse.“ 

„Also bin ich jetzt selbst Schuld, oder was?“ 

Schweigen schlug ihm entgegen und somit die sichere Bestätigung, dass dem so war. 

„Und was jetzt?“, fragte Brendan in die Runde, zu der auch das Schiff zählte, was sich freundlich einschaltete: „Captain Brendan, Sie haben in den vergangenen Wochen, seit Sie auf Goliath gelandet sind, genau vierzehn geschäftliche Anfragen erhalten, von denen drei als vielversprechend anzusehen sind und eine sogar Ihr finanzielles Problem soweit reduzieren würde, dass Sie sich bei ihrem derzeitigen Kostenverhalten rund dreieinhalb Jahre würden wohlfühlen können.“ 

„Was meinst du denn mit derzeitigem Kostenverhalten?“, fragte Brendan, der es hasste, sich um diesen ganzen Geld- und Datenkram zu kümmern. 

Klick-Klick antwortete: „Captain, Chrys will damit sagen, wenn Sie den Auftrag annehmen und bezahlt werden, können Sie dreieinhalb Jahre so weiterleben, wie in den Wochen, seit wir auf Goliath gelandet sind. Das bedeutet, bei einem linearen durchschnittlichen Kostenverhalten.“ 

„Verstehe. Wenn ich nicht mehr ausgebe, als in den letzten Wochen, haben wir über drei Jahre auch weiterhin zu essen.“ 

„Lebensmittel sind in der Rechnung enthalten – das ist korrekt, Captain!“, sagte Klick-Klick. 

„Nimm den Auftrag an, Brendan“, schlug Einstein geistesabwesend vor. „Dann haben wir wenigstens eine Zeit lang Ruhe und können überlegen, wie es weitergeht.“ 

„Doch nicht etwa JCB?“, fragte Brendan mehr sich selbst und musste dabei grinsen. Er blieb stehen und versuchte sich an den Wortlaut seines damaligen Firmenslogans zu erinnern. Das war so lange her, dass er schon gar nicht mehr wusste, ob der Eintrag im Register noch vorhanden war. Aber wahrscheinlich schon, denn eine Löschung fand nur statt bei persönlicher Veranlassung oder aufgrund des Todes des Besitzers beziehungsweise Freischaffenden. Denn das war Brendan seinerzeit gewesen: Freischaffender Fracht- und Personenbeförderer mit zahlreichen Fluglizenzen, die er noch bei der Neutralen Behörde erworben hatte, welche schon ewig nicht mehr existierte. 

„JCB, ganz genau, Captain Brendan!“, bestätigte Klick-Klick. Er lächelte. „Sie haben ein gutes Gedächtnis heute. Just call Brendan lautet Ihr Registereintrag. Und er ist noch immer gültig, da Sie den Pegarenstatus besitzen. Die meisten der von Chrys erwähnten Anfragen erreichten uns aufgrund dieses Eintrags. Offiziell sind Sie immer noch selbstständig.“ 

„Aber hatte ich den Eintrag nicht lediglich auf Little Silence vornehmen lassen?“, fragte Brendan stirnrunzelnd. 

„Das ist schon einige Jahrhunderte her, Captain“, antwortete Klick-Klick. „Die Registereintragungen der jeweiligen Planeten sind nach der Bildung der Intersystematischen Konferenz in das Intergalaktische Register eingegangen, sofern keiner der Teilnehmer sich für eine Streichung ausgesprochen hat. Das haben Sie zweifelsfrei nicht getan, Captain.“

„Ach, dann stehe ich also mit JCB im Intergalaktischen Register für freischaffende Fracht- und Personenbeförderer?“ 

„Sie bezahlen schließlich auch die Gebühren dafür“, antwortete Klick-Klick. „Und wie Sie sehen, lohnt es sich. Denn wenn Sie die Anfragen abarbeiten, sind auch Ihre befürchteten finanziellen Sorgen verschwunden.“ 

Wieder einmal ertappte Brendan sich dabei, wie wenig er sich um solche Angelegenheiten kümmerte. Er war es im Prinzip selbst Schuld, dass er schon wieder kurz vor der Pleite stand. Sorglos alles dem Androiden überlassen zu haben, war vielleicht in Bezug auf seine Finanzlage nicht die beste Idee gewesen. 

„Außerdem“, fuhr Klick-Klick mit einem gesteuerten Anflug von Stolz fort, „erinnern sich die Menschen auch nach über dreihundert Jahren noch an Ihre Taten und an das, was Sie für die Milchstraße getan haben. Und Ihr Ruf als Gardist in Diensten Nervas haftet weiterhin an Ihnen, Captain! Wenngleich man das Pegarendasein in vielen Winkeln des bewohnten Spiralarms auch schon vergessen hat, wissen die Leute in gewissen Kreisen dennoch um Ihre Fähigkeiten.“ 

Kurz fragte sich Brendan, um welche Fähigkeiten es sich dabei wohl handeln mochte, verwarf den Gedanken aber umgehend wieder. Und wenn es oftmals auch das pure Glück gewesen war und das Zusammenspiel seiner einstigen einmaligen Crew, das ihnen Erfolge und Siege einbrachte, so schien eben diese Konstellation und die sich daraus ergebenden Entscheidungen das passende Rezept für die Lösung kniffliger Situationen darzustellen. 

„JCB – Forschungsreisen und Kurierdienste, Sonderaufträge und Außergewöhnliches. Sie benötigen ein Raumschiff mit einer erstklassigen Mannschaft? Wir bieten alles – mit Diskretion. Personenbeförderung und Rundumversorgung. Sitz des Unternehmens: Uma-47, Little Silence, Registereintrag 98770023/B/PEG“, zitierte Klick-Klick den Eintrag. 

„Richtig!“ Brendans Gesicht erhellte sich wieder. Er lief zu seinem Sessel zurück, setzte sich und schwelgte in Erinnerungen. „Ach, das waren noch Zeiten, was Einstein? Wir beide mit der Harry unterwegs zu den reizenden Xinianern.“ 

„Erinnere mich bloß nicht daran“, bat der weißhaarige Wissenschaftler und rückte sich seine Brille zurecht. „Dieses Schiff war gemeingefährlich.“ 

„Ach, und die Xinianer vielleicht nicht?“, fragte Brendan. 

„Die Xinianer sind auch nicht schlimmer als andere Menschen. Mit diesem ersten Auftrag hat seinerzeit alles begonnen“, sagte Einstein. „Damals hast du Deine ersten Aliens gesehen, Brendan. Und du warst fast noch ein Junge. Zumindest hast du dich so aufgeführt.“ 

„Ja, das stimmt! Aber ich hatte zum Glück Dich, alter Freund.“ 

„Ich war froh für dich zu arbeiten, Brendan. Wir haben uns zum rechten Zeitpunkt getroffen, glaube ich.“ 

„Tja, manchmal habe ich das Gefühl, dass immer alles zum rechten Zeitpunkt geschieht.“ 

„Das ist pure Logik“, bemerkte Klick-Klick, während er gleichzeitig die von der Chrys erwähnte Anfrage aufrief. „Alles, was geschieht, geschieht zu einem bestimmten Zeitpunkt. Wenn es aber geschieht, kann es genau dann ja nur der korrekte Zeitpunkt sein. Sonst würde es ja nicht geschehen.“ 

„Darauf lasse ich mich jetzt nicht ein, Klick-Klick.“ Brendan blickte sich auf der weitläufigen Brücke um. „Sag mal, wo ist eigentlich Green?“ 

2 – Green

 

Der voluminöse Amaviride gehörte zu einer der wenigen Spezies des Orionarms, die sich neben den Menschen ebenfalls zu einer raumfahrenden Rasse entwickelt hatte, wenngleich dies ohne menschliche Einmischung auch nie geschehen wäre. 

Greens Heimatwelt Azur war einst als Siedlungsgebiet auserkoren worden und viel zu spät erst hatte man erkannt, dass sich dort bereits zwei intelligente Spezies entwickelt und den Planeten bevölkert hatten. Die eine lebte in den Tiefen der azurianischen Ozeane, die andere, nämlich die Amaviriden, in den dichten Urwäldern von Azur. Das war auch der Grund, weshalb man ihre Siedlungen zunächst nicht entdeckte. 

Brendan war es seinerzeit gewesen, den die Behörde beauftragt hatte, auf Azur nach dem Rechten zu sehen, weil sich die Siedler nicht mehr meldeten. Nach einer langen und aufreibenden Geschichte schließlich, nahm Einstein einen kleinen grünen und dem Tod geweihten, schleimigen Wurm mit an Bord, der nach einiger Zeit zu einem Prachtkerl eines intelligenten Amaviriden heranwuchs. 

Green hatte nie andere Gesellschaft, als die von Menschen und seines Ziehvaters Klick-Klick erlebt, als er kürzlich zum ersten Mal seinen Ursprungsplaneten besuchte. Insgeheim war er schockiert über die Sitten und Gebräuche, doch ließ er sich die Abscheu seiner eigenen Rasse gegenüber nicht anmerken und war froh, als sie das Sonnensystem mit den dreizehn Planeten wieder in Richtung Goliath verließen. 

Der sehr emotionale und sensible Green befand sich in seiner Kabine, als Brendan ihn über den allgemeinen Comm-Kanal anrief. Schon vor einiger Zeit hatte Brendan dafür gesorgt, dass Green eine artgerechte Kabine erhielt, die voll und ganz seinen Bedürfnissen entsprach. Sämtliches Mobiliar war entsprechend größer und die Polsterungen der Sitzgelegenheiten flexibler, so dass sie sich der Asymmetrie seines Körpers stets anzupassen vermochten. So genannte intelligente Nanofabrikate sorgten dafür, dass Green nie das Gefühl bekam, in einen Stuhl nicht hineinzupassen, was ihm früher oft passiert war und auch heute noch vorkam, wenn sie auf andere Schiffe eingeladen wurden oder auf fremden Planeten landeten. 

„Green, bist du zu Hause?“, tönte Brendans Stimme über den Lautsprecher von Greens Kabine. Er saß gerade an seinem ausladenden Schreibtisch und sortierte eine riesengroße Kiste voller Chloroknusperstangen, einer Köstlichkeit seines Heimatplaneten, die er, bei aller Ablehnung der meisten Lebensweisen seiner Artgenossen, ebenso gerne verspeiste wie sie auch. Vergnügt wippten die beiden fleischigen Fühler auf seinem Kopf über besagter Kiste und einige seiner bisher noch ungezählten Augen, die scheinbar wahllos über seinen gesamten Körper verteilt lagen und mal größer oder kleiner in Erscheinung traten, zumeist jedoch geschlossen blieben, da er sich angewöhnt hatte, nur die beiden relativ mittigen seines Kopfes, die dort saßen, wo wir unser Gesicht hatten, zu nutzen, um den Menschen ein wenig ähnlicher zu sein, fixierten die verschiedenen Stangen, die er mit seinen ausgeprägtesten beiden Gliedmaßen, die ebenfalls nicht so ganz symmetrisch an seinen Körperseiten hingen, in den unförmigen Pranken hielt und nach Größe und Farbe unterschieden auf kleine Stapel legte. Etliche andere seiner Ärmchen oder Arme waren mit den Jahren verkümmert, weil er auch sie versuchte so selten als möglich zu nutzen. Seine beiden kräftigen Beine und die klobigen Füße wurden zusätzlich von einem mächtigen Schwanz gestützt, den der gemeine Amaviride als wehrhafte Waffe einzusetzen wusste. Den nicht wirklich mittigen Mund, der ja ebenfalls lediglich eine Öffnung von zahlreichen darstellte und nur von unsereins als Mund bezeichnet wurde, ebenso wie das Gesicht, in dem er sich befand, nicht tatsächlich ein Gesicht war, benutzte Green ausschließlich zur Kommunikation, wenngleich die anderen Körperöffnungen rund um sein grünes Erscheinungsbild ebenfalls dafür geeignet waren. Die meisten fungierten als Universalöffnungen, durch die ein Amaviride nicht nur seine üblichen Pfeif- und Quietschlaute von sich gab, sondern auch atmete und sich überflüssiger Ausscheidungen entledigte. Das Ganze stellte sich etwas komplizierter dar als bei Menschen und wirkte für die meisten unserer eigenen Spezies eher abstoßend. Daher legte Green auch allergrößten Wert darauf, seine Öffnungen genauestens zu koordinieren und sich in etwa den Gepflogenheiten der Menschen anzupassen, was ihm mehr oder minder gut gelang. Je erregter Green jedoch war, desto unkontrollierter reagierte auch sein Körper. Das konnte im schlimmsten Fall darin gipfeln, dass seine feuchte grüne Haut das Nervengift absonderte, für das seine Artgenossen auf Azur von den Lichtianern gejagt und getötet wurden. In winzigen Nesselgeschossen, die sich vorwiegend im Schwanz befanden, entluden sich die kleinen Giftperlen zu Tausenden und flogen einem potentiellen Feind unausweichlich entgegen. Daher stand Green der für Menschen so typischen Eigenart Körperkontakt zu suchen, auch sehr distanziert gegenüber. 

Jemandem von Greens Statur mit zwei Metern zwanzig und rundlichen 230 Kilogramm traute man eine dunkle Stimme in schallendem Bass zu. Doch das ganze Gegenteil ertönte, wenn er seinen Hauptmund und die eine oder andere zusätzliche Öffnung nutzte und sein helles fisteliges Pfeifkonzert verlauten ließ. Für Brendans Ohren und auch die übrigen Crewmitglieder stellte das längst kein Problem mehr dar. Für Außenstehende jedoch klangen die Worte aus mehreren Mündern wie völlig falsch betonte Äußerungen eines psychisch Kranken. 

„Hu?“ Green erschrak. „Ja, ja!“, pfiff er laut. Sein Schwanz schlug zweimal kurz und kräftig auf den Boden. „Ich bin zu Hause, Captain. Was gibt es?“ 

„Hast du nicht Lust zu uns zu kommen? Wir besprechen gerade unser nächstes Ziel. Als mein Sicherheitsoffizier hätte ich dich gerne dabei.“ 

„Oh, ohhh... Ja, natürlich!“ Green sprang aus seinem Stuhl und ließ ihn umfallen. Felicitas, Brendans erster Androide, der für Ordnung und Sauberkeit auf dem Schiff sorgte, würde sich darum kümmern. 

„Ich komme sofort!“ 

Leicht unbeholfen beim Gehen, wie seit jeher, bahnte sich der pockennarbige Körper seinen Weg über den weichen hochflorigen Teppichboden seiner Kabine, auf dem er das laute Geklatsche seiner riesigen Füßen nicht ständig ertragen musste. Kaum auf dem Mittelgang angekommen, der sich durchs ganze Schiff zog, kündeten diese nämlich schon aus der Ferne von seinem Kommen. Oftmals schlug er außerdem mit seinem Schwanz an die Seitenwände, so dass die Ruhe eines Tages immer wieder mal durch hammerartige oder wummernde Geräusche unterbrochen wurde. Greens Kabinenwände waren übrigens auch mit Teppichboden ausgekleidet. 

Brendan überließ es seiner Crew, ihre persönlichen Kabinen zu gestalten, wie es ihnen beliebte. Doch zumeist verließen sich, auch vorübergehende Crewmitglieder, auf den guten Geschmack Brendans und sein sicheres Gespür für Form und Gestalt. Green beispielsweise war sehr dankbar, als Brendan ihm seine Kabine eingerichtet hatte. Der möglichst hohe Grad an Geräuschlosigkeit und die kuschelige Atmosphäre, die ihn mit den Teppichwänden, den vielen plüschigen Kissen und dicken Decken in seiner höhlenartigen Schlafpolsterecke umgab, kam ihm sehr entgegen. Das Design der allgemein zugänglichen Räume und mehr noch der funktionalen, wie Brücke oder Maschinenraum, glänzte puristisch, futuristisch und schnörkellos. Und dennoch verstand es die Chrys durch dimmbare Licht- und Farbstrahler eine Atmosphäre der Behaglichkeit zu verbreiten, die sie stets versuchte den Stimmungen der Anwesenden anzupassen. Auch das war von Brendan so gewollt. 

Die äußere Lackierung seines geliebten Schiffs hatte er inzwischen vom jahrelangen Schwarz in eine auf Goliath gerade sehr zeitgemäße und beliebte Farbe ändern lassen. Irisierendes Kupfermetallic, das sich immer wieder in Ocker brach, jedoch weniger im üblichen Sinne, als in einem chromschimmernden Labradoriteffekt. Keines der bekannten intergalaktischen Schiffe besaß bisher eine solch sensationelle Lackierung. 

Als Green die Brücke betrat – treten war in diesem Zusammenhang tatsächlich eine gute Beschreibung – drehten sich die anderen kurz zu ihm herum, während er laut auf dem polierten Boden platschend zu seinem Platz watschelte. 

„Schön, dass du sofort gekommen bist, Green“, begrüßte Brendan ihn. „Wir überlegen gerade, wohin wir fliegen sollen. Es gibt einige Anfragen potentieller Auftraggeber, aber ohne deinen Instinkt für Gefahren wollen wir nichts übereilen.“ 

Als Green sich in den eigens für ihn entwickelten Sessel gesetzt hatte,  der in der Rückenlehne einen breiten Schlitz freiließ, damit auch sein Schwanz hindurchpasste, seine Konsole mit den extra großen Tasten aktivierte und erst die schöne, wenn auch übertragene Aussicht genoss, drehte er sich verwundert zu Brendan um. Seine beiden Fühler auf dem Kopf standen senkrecht nach oben und signalisierten höchste Aufmerksamkeit. 

„Das ist nett von Ihnen, Captain! Früher haben Sie mich nicht in die Entscheidungen solcher Aufträge mit eingebunden.“ 

Die Worte entwichen aus ungefähr fünf Öffnungen seines Körpers, vornehmlich aus der großen im Gesicht, von dem keiner sagen konnte, wo es begann und wo der Hals endete, denn beides unterschied sich im Umfang nur unwesentlich. 

„Na ja... Da kannte ich dich ja auch noch nicht so gut“, meinte Brendan nur. 

„Und inzwischen, Sicherheitsoffizier Green“, fügte Klick-Klick hinzu, „hat unser Captain auch reichlich Erfahrung gesammelt und verinnerlicht, dass vorschnelle Entscheidungen ohne ausreichende Informationen in den Untergang führen können.“ 

„Klick-Klick, deine Kommentare sind nicht jederzeit erwünscht. Außerdem würden wir wohl kaum noch alle hier sitzen, wenn uns eine meiner früheren Entscheidungen in den Untergang geführt hätten – oder liege ich da falsch?“

„Nein, Captain, ganz und gar nicht.“ Klick-Klick blickte auf einen Holoschirm vor seiner Konsole und tippte etwas ein. Auch in solchen Situationen verhielt er sich in Anwesenheit von Menschen wie sie. In Tastaturen zu tippen oder sich überhaupt bewegen zu müssen, um an Informationen zu gelangen, die sein multifunktionales Interface auch ohne viel Zutun von der Chrys erhielt, wäre für ihn absolut entbehrlich, stellte also eher ein Akt der Höflichkeit dar, der Anpassung, da Menschen, wie bereits erwähnt, sich wohler fühlten, wenn Androiden ihnen ähnelten. Alles andere erschien ihnen verdächtig. So waren sie nun einmal, diese Menschen. 

„Wollen Sie nun mit der Entscheidungsfindung beginnen?“, fragte der Androide. Einstein widmete sich bereits wieder seinen Berechnungen zur Verbesserung der Antriebstechnik. 

„Chrys, schmeiß mir doch mal die drei Anfragen, von denen du gesprochen hast, auf den Schirm – eine nach der anderen!“ 

„Gerne, Captain Brendan“, antwortete die geduldige Stimme des Schiffs. Gleichzeitig wurde ein neuer Holoschirm vor ihnen installiert, klar und deutlich, als stünde der Mann, der nun zu sprechen begann, in diesem Augenblick vor ihnen. Diese Art der Projektion hatte mit jenen der ersten hundert Jahre der Holoübertragungstechnik rein gar nichts mehr zu tun. In den meisten Fällen konnte solch eine Projektion vom Original gar nicht mehr unterschieden werden, es sei denn, es handelte sich um Liveübertragungen aus extrem weiter Entfernung, die ab und zu wellenbedingte Interferenzen aufwiesen. Die nun folgende Übertragung jedoch stammte von einer Aufzeichnung, die Chrys gespeichert hatte und nun wiedergab. Brendan schaute neugierig zu. 

 

Der freundlich wirkende Sprecher war augenscheinlich biologisch nicht viel älter als Anfang dreißig und trug eine samtene Tunika in dunkelgrün und rot, bestickt nur mit einem feinen Streifen aus Brokatblumenmustern in Gold und Bronze. Sein dunkles Haar trug er kurz mit einem akkurat gekämmten Seitenscheitel, sein Gesicht war glatt rasiert und auf dem Kopf saß ein Barett in den Farben der Tunika. Er hielt die Hände brav vor sich gefaltet und lächelte. 

„Mein Name ist Pandolfo Borgia und Ihre Dienste wurden mir von einem Agenten Prätors empfohlen. Überdies habe ich selbstverständlich Erkundigungen über die Qualitäten Ihres Unternehmens eingeholt und, zugegebenermaßen einem angeborenen Misstrauen geschuldet, auch in etlichen anderen Informationsquellen nach Reputationen gesucht. Und ich war angenehm überrascht und erstaunt über Ihren überaus bemerkenswerten und nahezu historischen Werdegang, Captain Brendan. Ohne Sie kämen wir wahrscheinlich kaum oder nur beschränkt in den Genuss des zeitsparenden Reisens.“ Pandolfo Borgia ging mit langsamen Schritten vor ihnen auf und ab und sah sie dann wieder an. 

„Der macht es aber spannend“, bemerkte Brendan und hielt die Übertragung kurz an. „Kennt ihn jemand von euch?“ 

Einstein beachtete Brendan gar nicht weiter und war vollkommen in seinen Arbeiten versunken. Seine Augenlider flatterten unkoordiniert und als verfolge er seine eigenen Gedanken auch körperlich, zuckte sein Kopf auf und ab, hin und her und seine Lippen bewegten sich leicht, als spräche er mit sich selbst. Brendan kannte dieses Verhalten bereits und störte sich nicht daran. Sofern sie sich nicht in einer brenzligen Situation befanden, wollte er den Gedankenfluss des niemals endenden Aktivitätsdurstes des Gehirns des Professors und die damit eingehende Blockade anderer, vor allem motorischer Fähigkeiten, nicht unterbrechen. Aber Klick-Klick meldete sich zu Wort. 

„Nun ja, Captain Brendan. Kastellan Pandolfo Borgia stammt aus einem sehr alten spanischen Adelsgeschlecht der Erde, welches zu Zeiten der großen irdischen Religionen einige ihrer Führer stellte. Man nannte sie Päpste. In den Jahren 2350 bis 2373 verließen die Borgia die Erde und siedelten nach Neue Erde über. Das dauerte in der uns ja hinreichend bekannten Pegarendimension seine Zeit, da die Schiffe der Borgia kaum mehr als fünfzehn Prozent der Lichtgeschwindigkeit erreichten.“ 

„Wie lange haben sie gebraucht bis Neue Erde?“, wollte Brendan wissen. 

„Das schnellste Schiff schaffte es in 239 Jahren, so vermerken es die Datenbanken der Flugsicherung von Neue Erde. Die Familie der Borgia interessierte sich mit den Jahren jedoch wesentlich mehr für andere Himmelskörper des Systems, denn Neue Erde besaß längst nicht so reiche Rohstoffvorkommen, wie beispielsweise Dzarguh oder…“

Brendan unterbrach ihn: „Aber du willst mir bestimmt die Geschichte dieser Familie von damals bis heute ersparen, nicht wahr, Klick-Klick? Und dafür lieber zur aktuellen Situation kommen, die für uns jetzt relevant ist.“ Er schaute den Androiden unmissverständlich an. Dinge auf den Punkt zu bringen entsprach einer der vielen Qualitäten eines guten Androiden, auch von Klick-Klick. Doch Präzision und kürzestmögliche Antwort standen bei Klick-Klick oftmals nicht im Einklang mit dem Sinn fürs Wesentliche, den er durchaus in seiner Programmierung besaß, aber überging, um eventuell ausschlaggebende Informationen nicht zu verschweigen und eine Entscheidung dadurch womöglich in eine falsche Richtung zu provozieren.

„Wie Sie meinen, Captain Brendan“, sagte er. „Welche Information wünschen Sie?“

„Wo hält sich dieser Mann auf und welche Funktion bekleidet er?“

„Pandolfo Borgia ist, wie ich soeben bereits sagte, Kastellan. Und zwar auf dem Kleinplaneten Tarkon, der Leo Minor 11, die Sonne, die von den Bewohnern des Systems auch Luminaria genannt wird, ebenso umkreist wie ungezählte andere Kleinplaneten, sowie die achtunddreißig Planeten und Zwergplaneten.“

„Klingt ja, als sei dort ne Menge los. Ach, weißt du was? Wir schauen uns vielleicht doch erst einmal an, was der Mann zu sagen hat. Geht womöglich schneller und ich brauche dich nicht alles zu fragen.“ Er spielte das Holo weiter ab. 

„Da ich hörte, dass Sie sich zur Zeit auf Goliath aufhalten und auch ein Pegar, wie Sie es sind, einen raschen Tordurchgang einer kalten und langen Reise durchs All gewiss vorzieht, wären Sie auch in zeitlicher Hinsicht die ideale Wahl, um unseren Auftrag zu erfüllen. Das Tau Ceti System besitzt, ebenso wie Luminaria, ein eigenes Tor, so dass Sie in relativ kurzer Zeit bei uns sein könnten.“ Der Mann bewegte sich beinahe wie ein Tänzer in Zeitlupe, zeigte eine perfekte Körperhaltung und vollkommen beherrschte Gesten. Brendan glaubte sofort, dass es sich bei den Borgia um eine aristokratische und adelige Familie handelte. Also definitiv auch eine Familie mit Geld. Das fand er schon einmal attraktiv und förderlich für eine geschäftliche Partnerschaft. „Als Kastellan hier auf Tarkon lebe ich, wie Sie sich denken können, äußerst privilegiert. Unsere enormen Erzvorkommen boten uns über Jahrhunderte einen regen und erfolgreichen Handel weit über das Luminaria-System hinaus. Doch, und auch darauf werden Sie nun sicherlich selbst kommen, hat sich diesbezüglich nun etwas geändert, was uns große Sorgen bereitet. Diese Veränderung nämlich behindert unseren Handel aufs Gröbste und schmälert somit nicht nur unseren Gewinn, sondern auch die Lebensqualität unserer gesamten Familie. Und ich kann Ihnen versichern, dass die Mitglieder der Familie der Borgia weit verzweigt, sehr zahlreich und leider auch sehr anspruchsvoll sind.“ Pandolfo machte eine kurze Pause, als nähme ihn das Gesagte mehr mit, als er verkraftete. Entweder, glaubte Brendan, war der Kastellan ein sehr guter Schauspieler, dann jedoch versuchte er ihm etwas vorzugaukeln, oder es traf ihn tatsächlich, wobei sich die Frage stellte, inwieweit seine Lebensqualität beschnitten wurde und was genau das bedeutete. Nach einer Hungersnot jedenfalls sah der Mann nicht aus. 

Der Kastellan holte tief Luft, bevor er weitersprach und seine Augen genau auf die Zuschauer richtete: „Ich weiß nicht, ob Sie schon von den Dschar gehört haben, Captain Brendan, eine der wenigen nichtmenschlichen Rassen, mit denen wir Handel treiben und, soweit es mir bekannt ist, die einzige, die außer uns innerhalb des Orionarms expandiert und ihren Heimatplaneten verlassen hat – und zwar noch bevor wir Menschen das getan haben. Alles sehr ärgerlich, das Ganze und auch sehr unangenehm, muss ich Ihnen leider sagen, weil wir vieles von den Dschar gar nicht mitbekommen haben und erst jetzt richtig anfangen ihre Kultur zu verstehen. Sie sind Pegar, Captain und bereits mit nichtmenschlichen Rassen in Berührung gekommen, sogar mit Wesen jenseits unserer Galaxie. Vielleicht können wir uns darüber ja einmal unterhalten. Ich bin immer sehr neugierig auf Neues. Aber wie auch immer. Die Dschar haben einst einen anderen Planeten in unserem Sonnensystem besiedelt, ihn aber aufgrund missglückter Terraformung wieder verlassen. Und angeblich hegen sie seit jener Zeit auch Anspruch auf einige sehr lukrative Felsbrocken, die, wie unser Kleinplanet Tarkon, in einem äußeren Ring ziemlich nahe am Rand des Systems, ihre Bahnen ziehen. Natürlich gehört Tarkon auch dazu und vor einiger Zeit haben die Dschar die Intersystematische Konferenz angerufen, um ihre Ansprüche durchzusetzen.“ Der Kastellan machte erneut eine kurze Redepause, fasste sich an die Stirn und schüttelte verständnislos den Kopf, bevor er weitersprach: „Bevor ich Sie jedoch langweile, Captain, mein Angebot: Ich möchte Sie engagieren, um mir dabei zu helfen, gewisse Informationen zu erhalten, um es grob zu beschreiben. Dazu schlage ich vor, dass Sie uns besuchen kommen und wir uns über alles Weitere persönlich unterhalten. Für sämtliche Aufwendungen, inklusive der Bezahlung des Durchgangs, kommen wir selbstverständlich auf. Bitte lassen Sie uns baldmöglichst wissen, ob wir mit Ihnen rechnen dürfen und wann Sie gegebenenfalls eintreffen werden. Vielen Dank für Ihre Zeit, Captain Brendan.“ 

Die Holoübertragung endete und schaltetet sich ab. Bevor Brendan etwas sagen konnte, wackelte Green auch schon aufgeregt auf seinem Sessel hin und her, so dass das Möbelstück quietschte und knarrte. Greens Fühler wippten vibrierend in alle Richtungen und seine pockennarbige Haut begann zu glänzen, was darauf hindeutete, dass sich sein Körper auf eine Abwehrattacke vorbereitete. Diese urinstinktiven Reaktionen beherrschte Green nicht immer. Jetzt gelang es ihm aber mit Leichtigkeit, den Prozess zu unterdrücken und wieder in den Griff zu bekommen. Er hechelte leise aus einigen Körperöffnungen und öffnete seine beiden etwas klebrig gewordenen Hauptaugen im Gesicht. 

„Ich ahne es schon“, sagte Brendan, verzog das Gesicht und blickte Green skeptisch an. 

„Oh je, oh je!“, meinte Green. Seine beiden klobigen Hände stützten sich auf den Armlehnen ab, während er mit den Augen rollend seine Fühler beobachtete. „Das ist gar nicht gut“, flötete er gurgelnd und pfeifend. 

„Green, was hat das zu bedeuten?“, wollte Brendan wissen. Manchmal ging ihm sein schräges Brückenkabinett ganz schön auf die Nerven. Er fand es ja prinzipiell klasse, so eine auffallend andere Crew als üblich unter seinem Kommando zu führen, aber an Tagen wie diesen, wo wirklich jeder von ihnen, sich seinen bizarren Eigenheiten hingab, konnte er nur noch den Kopf schütteln und darauf hoffen, dass keine ungewöhnlichen und vor allem bedrohlichen Ereignisse ihre Bahnen kreuzten. 

„Passiert das jetzt, weil du unvorhergesehene Ahnungen hast oder weil du genau weißt, was uns bei diesem Auftrag erwartet?“ 

„Beides, Captain, beides!“, antwortete Green ängstlich, denn auch nach vielen wachen Jahren litt er unter den Defensivattacken seines Körpers aufgrund unkontrollierter Gefühle, die viel zu häufig auch ohne sein bewusstes Zutun ausbrachen – ganz so, wie es den Uramaviriden seines Heimatplaneten in den Tiefen der Urwälder dienlich gewesen war. Dort, wo es von fleischfressenden Ungeheuern nur so wimmelte und einfallsreiche Insekten jeden Moment nutzten, um wehrlose Mitbewohner zu piesacken, hatte sich die Evolution einen reaktionsschnellen Körper für die schwerfälligen dicken Genossen ausgedacht, die sich zwar äußerlich nicht flink bewegten, deren vegetative Abläufe jedoch enorm umfangreich und weitreichend entwickelt waren. Vor allem Haut, Fühler und diverse Körperöffnungen sowie der dicke Schwanz waren hiervon betroffen. 

„Von den Dschar habe ich schon gehört...“ Er bemühte sich sichtlich, zumindest seinen Schwanz unter Kontrolle zu halten – mit Erfolg. „Sie sollen wunderschön sein“, schwärmte er und faltete seine beiden flossenartigen Pranken zusammen. „Aber dieser Kastellan regt sehr unangenehme Wallungen in mir an. Ich glaube, dass er uns nicht die Wahrheit sagt.“

Brendan stutzte und wusste wieder einmal nicht, wie er das Verhalten des Amaviriden einschätzen sollte. Auch Green unterlag Täuschungen, Geschmäckern, Vorlieben und Abneigungen. Wenn er jemanden nicht leiden konnte, mochte das die gleichen Reaktionen hervorrufen, wie bei einer instinktiven Abwehrreaktion, die in den allermeisten Fällen begründet war. Es galt also zu unterscheiden, ob Green den Kastellan nicht mochte oder tatsächlich etwas an ihm erkannte, dass ihn zur Vorsicht anhielt. 

„Glaubst du das oder reagierst du ohne zu denken?“, fragte Brendan. 

„Oh, ich weiß nicht so recht, Captain Brendan.“ Hilfesuchend blickte eines seiner hinteren Augen zu Klick-Klick, der ihn in den Jahren, in denen Einstein und Brendan in der Hibernation gelegen hatten, aufgezogen und ihm alles beigebracht hatte. Klick-Klick war zumindest einer der Väter, die Green nie hatte, denn die Amaviriden wuchsen mit zig Vätern und Müttern auf, von denen nie jemand wusste, wer tatsächlich der leibliche Erzeuger der Heranwachsenden war. 

„Captain!“, mischte sich Klick-Klick dann auch ein, „Ist es nicht ein wenig respektlos, Green zu unterstellen, er würde sein Gehirn ausschalten? Es ist doch sehr offensichtlich, dass er als Sicherheitsoffizier bewiesenermaßen sehr gute Instinkte besitzt und uns in dieser Hinsicht noch nie getäuscht hat. Daher rate ich dazu seine Reaktionen Ernst zu nehmen.“ 

„Oh, Mann“, stöhnte Brendan und verdrehte die Augen. „Was habe ich eigentlich da für eine Bande auf meinem Schiff? Ihr müsst schon entschuldigen, aber ich kann mich doch bei geschäftlichen Entscheidungen nicht auf irgendwelche emotionalen Ausbrüche, Ahnungen oder Instinkte verlassen. Können wir das also bitte rational abwägen?“

„Möchten Sie denn noch die beiden anderen Angebote prüfen, Captain?“, fragte das Schiff freundlich. 

„Also, ehrlich gesagt, wenn der Kastellan unser lukrativster Geldgeber ist, sollten wir uns vielleicht erst einmal auf ihn konzentrieren. Wenn die Herrschaften hier...“ Er deutete mit einer ausladenden Armbewegung zu seiner Crew, „zu einem Konsens kommen und meinen, wir können uns darauf einlassen.“ 

„Sie sind der Captain, Captain Brendan“, erinnerte Chrys ihn. „In meiner Datenbank habe ich keinen Eintrag, aus dem hervorgeht, dass außer Ihnen jemand die Befugnis für finale Entscheidungen besitzt.“

„EINSTEIN!“, rief Brendan nun sehr laut zu dem Professor, der sogleich aufschrak und verwirrt zu ihm blickte. „Hm?“ 

„Hilf mir!“

„Was willst du wissen?“, fragte Einstein und benötigte noch zwei Sekunden, um im Hier und Jetzt anzukommen. 

„Dieser Kastellan da, dieser Borgia. Was ist das für ein Typ? Können wir ihm vertrauen?“ 

„Die Borgia? Hm, tja, ich weiß nicht, Brendan. Eine einflussreiche Familie. Ich weiß, dass Sie ihre Leute nicht nur im Luminaria-System verteilt haben. Sie sind gewiefte Händler und haben ein Gespür für Geschäfte. Dafür sind Sie bekannt.“ 

„Mischen Sie in der Politik mit?“, fragte Brendan, denn er hatte keine Lust sich nochmals in irgendeiner Weise in galaktische Politik einzumischen. Weder bei der Neutralen Behörde noch in den Diensten Prätors war ihm der Geschmack der politischen Machenschaft angenehm gewesen. 

„Sie beeinflussen die Politik, aber stets im Hintergrund. Die Borgia wollen nicht auffallen, sondern nur Geld zählen. Und davon so viel wie möglich.“ 

„Also Geld“, grunzte Brendan leise. „Klar! Wie immer! Die haben welches, wir brauchen welches, aber die Familie ist wahrscheinlich nicht koscher. Das kommt mir alles irgendwie bekannt vor.“ 

„Ja, mir leider auch, Brendan“, sagte Einstein stirnrunzelnd. 

Beide wendeten sich gleichzeitig zu Green, der empört pfiff und sich endlich wieder unter Kontrolle hatte. „Ich habe ganz klar ein schlechtes Gefühl bei diesem Kastellan. Er verheimlicht uns etwas und spielt ein doppeltes Spiel. Er ist unangenehm.“ 

„Darum geht es aber nicht, Green“, erklärte Brendan ihm. „Dein Anblick ist auch unangenehm und trotzdem mag ich dich.“ Noch im selben Augenblick, als er das sagte, hätte er sich selbst dafür in den Hintern treten können. So eine Aussage bei einem Sensibelchen wie Green war absolut kontraproduktiv. Und prompt hingen dessen Fühler auch schon schlapp herunter und sein gesamter Körper sackte in sich zusammen. 

„Green, er meint es doch nicht so“, versuchte Einstein die Situation zu retten, warf Brendan einen vernichtenden Blick zu und fragte den verletzten Amaviriden: „Was weißt du denn über die Dschar?“ 

Aus einer sehr kleinen, weiter unterhalb des Bauches befindlichen Öffnung jodelte Green daraufhin: „Die Dschar sind sehr hübsch anzusehen. Sehr viel hübscher als ich. Sie sind groß und schlank und anmutig. Menschen empfinden ihren Anblick als angenehm und wohltuend. Und ich war schon immer sehr fasziniert von ihnen. Sie müssen engelsgleich sein.“ 

„Ach, komm schon, Green“, sagte Brendan dann versöhnlich. „Darum geht es doch gar nicht. Jeder sieht anders aus. Und für jeden Amaviriden bist du ein absolutes Prachtexemplar – das weißt du auch. Und außerdem habe ich jetzt keine Lust auf eure Befindlichkeiten. Wie alt sind wir denn, hm? Sind wir eine professionelle Crew oder ein Haufen emotional Gestörter, die sich selbst nicht im Griff haben?“ 

„Du kennst ihn doch“, sagte Einstein. „Du weißt, wie er und ich und Klick-Klick ticken.“ 

„Und außerdem, Captain Brendan“, sagte Klick-Klick dann, „wäre das alles gar nicht notwendig, wenn Sie sich selbst entsprechend informieren und vorbereiten würden. Auch, wenn es mir als assistierender Roboter nicht zusteht, muss ich doch einmal darauf hinweisen, dass Sie ohne uns mehr Probleme zu lösen hätten, als mit uns.“ 

„Wisst Ihr, was wir machen?“, meinte Brendan dann angespannt, ignorierte Klick-Klicks Kritik und tippte ein paar Befehle in seine Konsole, auch wenn er Chrys alles zu jeder Zeit einfach mündlich befehlen konnte. „Wir fliegen nach Tarkon und klären alles Weitere dort. Kostet schließlich nichts – der Kastellan bezahlt ja alles –  und hinterher sind wir in jedem Fall schlauer.“ 

„Auch wieder einer dieser Sätze, Captain Brendan, der aufgrund seiner absoluten Logik überflüssig erscheint. Hinterher ist zeitlich gesehen immer nach einem Ereignis zu setzen. Und das impliziert, dass aufgrund der Linearität der Zeit der Zuwachs an Erfahrung erfolgt ist. Immer. Ich werde nie begreifen, weshalb die Menschen sich derart äußern.“ 

„Halt bitte die Klappe, Klick-Klick!“, sagte Brendan und wurde sich wieder einmal bewusst, wie sehr diese Truppe ihn manchmal strapazierte, wie sehr er sie aber auch liebte. Sie alle waren ihm in den wachen Abschnitten der vielen Jahrhunderte, die sie ansonsten gemeinsam tiefgefroren in diversen Hibernationstanks lagen, ans Herz gewachsen. Ja, sie bildeten seine Familie – seine Pegarenfamilie. Aber: Sie konnten eben auch extrem nervtötend sein. 

 

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© 2018 by Oliver Wendt - O.E.Wendt, Deutschland

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